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Distribution oben

Aus der Schule kennt ihr Wortarten wie Nomen, Verb, Adjektiv, Adverb oder Präposition. Dabei wird nur selten explizit gemacht, nach welchen Kriterien diese Wortarten unterschieden werden.Grundsätzlich kann man semantische, morphologische und syntaktische Kriterien zur Unterscheidung der verschiedenen Wortarten anwenden . Folgt man dem semantischen Ansatz, so lassen sich Wortarten gemäß ihrer Bedeutung festlegen. Für Nomina soll zum Beispiel typischerweise gelten, dass sie Gegenstände, wie Apfel, bezeichnen, Verben sollen für Aktivitäten stehen, wie etwa schlagen. Nach diesem Ansatz müsste dann allerdings ein Wort wie Explosion eher ein Verb sein als ein Nomen, stehen oder kennen dagegen ließen sich kaum in die Kategorie "Verb" einordnen. Auch nach morphologischen Kriterien lassen sich Wortarten unterscheiden: Zum Beispiel könnte man im Deutschen als für die Wortklasse "Verb" angeben, dass die entsprechenden Wörter nach Tempus und Person flektiert werden.

Aufgepasst!

Die rein syntaktische Definition von Wortklassen kennt nur ein Kriterium - das der Distribution: Alle Konstituenten, die die gleiche syntaktische Verteilung aufweisen, gehören auch der gleichen syntaktischen Kategorie an. Ob zwei Konstituenten die gleiche Verteilung (=Distribution) besitzen, lässt sich durch Substitution ermitteln, wie hier noch einmal in dem Beispiel zu sehen ist:

1. Bender stiehlt gerne.
Die gierige Elster stiehlt gerne.
Frys bester Freund stiehlt gerne.
Phrase - Konstituente
Die Begriffe Konstituente und Phrase werden hier äquivalent gebraucht.

Hier können Bender, die gierige Elster und Frys bester Freund jeweils die gleiche Position füllen, so dass sich jedesmal ein wohlgeformter ganzer Satz ergibt; somit gehören sie zu der gleichen syntaktischen Kategorie. Die Wortarten der Schulgrammatik entsprechen im Wesentlichen dem, was wir in der Syntax lexikalische Kategorien nennen. Die wichtigsten lexikalischen Kategorien sind Nomen und Verb; weitere gut etablierte lexikalische Kategorien sind Adjektiv und Präposition. Darüber hinaus gibt es funktionale Kategorien, die wir in den folgenden Abschnitten noch kennenlernen werden.

 

X-Bar-Syntax oben

Wie die innere Struktur der Konstituenten beschaffen ist und in welchem Verhältnis ihre einzelnen Bestandteile zueinander stehen, ist Gegenstand der X-Bar-Theorie. Die gängigste Methode diese Struktur darzustellen sind binär verzweigende Strukturbäume wie dieser:

strukturbaum

In Konstituenten, die aus mehreren Wörtern bestehen, gibt es immer eines, das die Verteilungseigenschaften der gesamten Konstituente bestimmt; dieses nennen wir den Kopf der Konstituente, und es ist in der obigen Darstellung durch das X repräsentiert. Der Kopf wiederum projiziert die XP - die "X"-Phrase, die die ganze Konstituente umfasst, wobei "X" stellvertretend für eine beliebige Kategorie wie Nomen (NP) oder zum Beispiel Adjektiv (AP) steht. Dazwischen gibt es darüber hinaus die Projektionsebene X' ("X Bar"), die auf der einen Seite in den Kopf der Phrase verzweigt, auf der anderen Seite in das Komplement. In der Position des Komplements stehen in der Regel Elemente, die obligatorisch mit dem Kopf zusammen auftreten. Die Funktion des Specifiers hängt wesentlich von der Kategorie ab, in der er auftritt.

Die Struktur kann auch links verzweigen, also den Kopf auf der rechten Seite haben:

rechtsköpfig
Der Kopf-Parameter

Auf der X'-Ebene und der XP-Ebene können außerdem Adjunkte angehängt werden, das sind optionale Ergänzungen, zum Beispiel in Form von Adverben wie schnell in Er verschwand schnell. Die dann entstehende Strukturen sehen so aus:

Adjunkt

 

Nominalphrase und Determiner Phrase oben

Learning by Doing

Lass uns sehen, wie der böse Roboter sich mit einer solchen Struktur wiedergeben lässt. Zunächst müssen wir erraten, was der Kopf des Ganzen ist - schließlich bestimmt der Kopf, wie sich die Konstituente syntaktisch verhält. Nehmen wir an Roboter sei der Kopf der Phrase, schließlich ist das Ganze im Wesentlichen ein Roboter, nicht etwa ein böse. Übernehmen wir ruhig aus unserem grammatischen Schulwissen, dass Roboter ein Nomen ist. Er ist damit der Kopf einer Nominalphrase:

Roboter

Versuchen wir nun als nächstes, böse in der Struktur unterzubringen. Elemente in der Komplement-Position sind in der Regel obligatorisch, was bei böse nicht der Fall ist - der Roboter ist ebenso zufriedenstellend wie der böse Roboter. Optionale Modifikationen werden typischerweise als Adjunkte konstruiert. Böse ist, wie wir ebenfalls schon aus der Schule wissen ein Adjektiv, und damit Kopf einer Adjektiv-Phrase (AP). In dem unten stehenden Beispiel ist es allerdings nicht notwendig, die gesamte Struktur der AP voll aufzuzeichnen, da sie nur von einem lexikalischen Element - böse - besetzt ist:

baum

Artikel wie der wurden früher als Elemente innerhalb der Nominalphrase analysiert. Verschiedene empirische und inner-theoretische Aspekte haben aber dazu geführt, dass sie heute als Köpfe einer übergeordneten, funktionalen Kategorie gesehen werden, nämlich der Determiner Phrase (DP). Sie legt den referentiellen Status der Nominalphrase fest (siehe Kasten): Sprechen wir über einen ganz bestimmten, bereits bekannten Roboter ("den Roboter") oder über irgendeinen beliebigen ("einen Roboter")? Ohne einen solchen Artikel kann die Nominalphrase auch nicht ohne weiteres im Satz auftreten:

2) *Böse Roboter stiehlt gerne.

Es ist somit letztlich der Artikel der, Kopf der übergeordneten DP, der die Distribution der ganzen Konstituente der böse Roboter festlegt. Die entsprechende Struktur sieht so aus:

derBoeseRoboter

 

Adjektivphrase und Präpositionalphrase oben

Bleiben wir noch einen Moment bei dem bösen Roboter und überlegen wir uns, was passiert, wenn wir diese DP erweitern zu der wahnsinnig böse Roboter aus der bekannten Zeichentrickserie. Graduelle Modifikationen von Adjektiven wie das Adverb wahnsinnig werden in der Regel im Specifier der AP lokalisiert:

wahnsinnig böse

Bei aus der bekannten Zeichentrickserie handelt es sich um eine Präpositionalphrase mit aus als Kopf und der DP der bekannten Zeichentrickserie als Komplement. In der folgenden Graphik sind alle unbesetzten Komplement- und Specifierstellen ausgelassen:

aus der bekannten Zeichentrickserie

Wenn wir diese Strukturen jetzt wieder zusammenbauen zu der großen DP der wahnsinnig böse Roboter aus der bekannten Zeichentrickserie, wobei wir die unbesetzten Stellen wie (complement) wieder auslassen können, sieht das Ganze so aus:

der wahnsinnig boese Roboter aus der bekannten Zeichentrickserie

 

Die Verbalphrase oben

Sehen wir uns gleich einen ganzen Satz an, um herauszufinden, wie er sich durch einen Strukturbaum darstellen lässt. Leider sind deutsche Sätze etwas anspruchsvoll zu analysieren, aber wir kommen wohl nicht umhin. Nehmen wir 3):

3) Leela ignoriert Fry.

Dieser Satz besteht aus nur drei Wörtern, eins davon muss der lexikalische Kopf der Konstruktion sein. Wie wir bereits im letzten Kapitel gesehen haben, lässt sich eine Phrase wie ignoriert Fry auch durch ein einziges Verb ersetzen wie schläft. Daraus können wir bereits schließen, dass die Wortfolge ignoriert Fry eine Konstituente ist und zwar mit der Verteilung eines Verbs, weshalb auch das Verb, ignorieren, Kopf dieser Konstituente sein muss. Weiterhin ist das Objekt Fry obligatorisch, denn der Ausdruck *Leela ignoriert alleine ist ungrammatikalisch. Wir haben es bei ignoriert Fry mit einer Verbalphrase zu tun, wobei ignoriert der Kopf ist und Fry das obligatorische Komplement. Lass uns zuerst so tun, als wäre Fry ignorieren ein reguläres Verb wie schlafen, um die Struktur dieser Verbalphrase zu analysieren:

FryIgnorieren

Soweit so gut. Um von hier aus aber zu dem vollen Satz Leela ignoriert Fry zu kommen, müssen wir zuerst drei Probleme überwinden: Erstens, wo kommt Leela hin? Zweitens, wie bekommt das Verb seine Endung? Drittens, wie kommt das Verb zwischen Fry und Leela? Die ersten beiden Fragen hängen zusammen und die dritte wird etwas komplizierter zu beantworten sein. Setzen wir Leela einfach einmal in den Specifier der VP:

LeelaFryIgnorieren

 

Die Tense Phrase oben

NP und DP - VP und TP

Leela Fry ignorieren hört sich zunächst nicht sehr gut an, ist aber auch nicht völlig abwegig, wenn wir zum Beispiel einen Satz betrachten wie Wird Leela Fry ignorieren?. Alleine kann die Form so aber nicht bleiben, Leela ist in der Konstruktion bis jetzt noch etwas verloren, wenn wir uns vor Augen halten, dass Fry ignorieren eine ganz normale Antwort sein kann auf eine Frage wie Was macht Leela?, aber auf die Frage Was geschieht hier? kann die Antwort nicht lauten Leela Fry ignorieren. Die Rettung kommt in Gestalt einer neuen funktionalen Kategorie: der Tense Phrase (TP). So wie die Determiner Phrase festlegt, ob ein Nomen auf einen bestimmten oder auf einen beliebigen Gegenstand referiert, so legt die Tense Phrase fest, wie sich der Gehalt der Verbalphrase Leela Fry ignorieren zur Realität des Sprechers verhält - ob das Ereignis bereits stattgefunden hat, Leela hat Fry ignoriert, erst noch stattfinden wird, Leela wird Fry ignorieren, oder ob man vielleicht nur vom Hörensagen davon weiß, Leela habe Fry ignoriert. Die Relation zwischen VP und TP ist dementsprechend genau analog zu der Relation zwischen NP und DP.

TP Leela Fry Ignorieren Zum Vergleich:
der böse Roboter
<Spitze Klammern>
In einem nächsten Schritt müssen wir Leela in den Specifier der Tense Phrase bewegen - dies hat damit zu tun, dass jedes Nomen im Satz einen Kasus erhalten muss. Fry erhält seinen Kasus direkt vom Verb, aber das Subjekt des Satzes muss sich erst bewegen, um seinen Nominativ zu bekommen. Dies wird noch näher erläutert im Kapitel über Kasustheorie. Das Verb wiederum wird flektiert entsprechend den Informationen in T.

LeelaTP

 

Die Complementizer Phrase oben

Damit sind wir jetzt bei der Phrase Leela Fry ignoriert. Das mag jetzt noch nicht nach einem guten deutschen Satz anhören, tatsächlich ist dies aber die Grundwortstellung. In Nebensätzen wie dass Leela Fry ignoriert, weil Leela Fry ignoriert etc. ändert sich an dieser Stellung nichts, es wird nur ein zusätzliches Element davor gesetzt. Bleiben wir kurz bei dieser Art Element wie dass oder weil. Um sie in unserer Struktur unterzubringen, müssen wir eine weitere übergeordnete Kategorie einführen- die Complementizer Phrase (CP). Dabei handelt es sich um eine funktionale Kategorie, die unter anderem den Status eines Satzes festlegt, zum Beispiel ob es sich dabei um einen untergeordneten Satz handelt, wie bei dass Leela Fry ignoriert oder auch um einen Fragesatz, wie wir im Kapitel über die Complementizer Phrase noch genauer untersuchen werden. Die Complementizer Phrase liegt über der Tense Phrase und nimmt als Kopf ein subordinierendes Element wie dass:

Was geschieht aber, wenn der Kopf der CP leer ist? Wie kommen wir von einem subordinierten Satz wie dass Leela Fry ignoriert zu dem Hauptsatz Leela ignoriert Fry? Im Deutschen ist jeder Satz grundsätzlich von einer CP dominiert. Wenn ihr Kopf leer ist, so bewegt sich das Verb an die Stelle des Kopfes:

baum

Hätten wir es mit einem Fragesatz zu tun, so wären wir an dieser Stelle schon fertig mit ignoriert Leela Fry. Da wir aber den Aussagesatz ableiten wollen, müssen wir noch einen letzten Schritt gehen. Außer im Fragesatz ohne Fragewort muss im Deutschen auch der Specifier der CP immer besetzt sein. Er wird generell mit dem prominentesten Nomen oder Adverb im Satz gefüllt, im Normalfall aber mit dem Substantiv, also hier mit Leela.

Leela ignoriert Fry

Geschafft! Jetzt ist alles an seinem Platz und wir sind endlich so weit: Leela ignoriert Fry.

 

Literatur:
Haegeman, Liliane 1994: Introduction to Government and Binding (second edition). Oxford: Blackwell.
Adger, David 2003: Core Syntax - A Minimalist Approach. Oxford: Oxford University Press.

 

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