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Höflichkeit

 

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Höflichkeit

Erinnern wir uns noch einmal an das Kooperationsprinzip und die Konversationsmaximen von Grice. Wenn man sich daran hält, verläuft ein Gespräch im hohen Maße effektiv und rational. Rationalität ist laut Grice die Grundlage jeder Konversation. Doch viele Gespräche verlaufen nicht rational oder effektiv. Sie dienen auch nicht immer der Informationsvermittlung, wie z.B. Small-Talk am Gartenzaun. Es muss also noch andere Faktoren geben, die (neben der Rationalität) Konversation beeinflussen. Wie beispielsweise die Höflichkeit. Das erklärt auch, warum indirekte Sprechakte so häufig verwendet werden. Es ist einfach höflicher zu fragen: „Könnten Sie mir Ihren Stift leihen?“, als zu sagen: „Leihen Sie mir Ihren Stift!“. Es stehen also unterschiedliche formale Mittel zur Verfügung, um Höflichkeit sprachlich umzusetzen. Ausgehend von Goffmans Arbeiten zu face-work, haben Brown und Levinson eine einflussreiche Höflichkeitstheorie entwickelt, die im folgenden vorgestellt wird.

 

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Positives und negatives Gesicht

Jeder von uns hat ein Gesicht. In diesem Zusammenhang ist mit dem Begriff aber das Image, die eigene öffentliche Identität, gemeint. Das Gesicht wird vom Gesprächspartner gegeben. Gesicht oder Image ist also das Bild, von dem man glaubt, dass der andere von einem hat. Man kann es zwar selbst definieren, aber solange es nicht als solches erkannt oder akzeptiert wird, hat man es auch nicht. Von daher ist es für jeden vom großen Interesse, sein Gesicht zu wahren. Das gegenseitige Wahren des Gesichts wird auch face-work genannt. Unter Höflichkeit verstehen man die linguistischen Mittel, mit denen face-work realisiert wird. In der Theorie wird davon ausgegangen, dass jeder ein sogenanntes positives und negatives Gesicht hat. Diese Begriffe haben allerdings keine Wertung. Es soll lediglich angedeutet werden, dass es sich um zwei gegensätzliche Konzepte handelt. Mit dem positive Gesicht ist das Bedürfnis nach einem Gemeinschaftsgefühl gemeint. Man möchte von anderen anerkannt und akzeptiert werden. Das negative Gesicht bezeichnet den Wunsch nach Individualität und Handlungsfreiheit. In jeder Interaktion wird das Gesicht neu definiert. Die Gesprächspartner wollen ihr eigenes positives und negatives Gesicht wahren, müssen aber auch Sprechakte ausführen, die das positive oder negative Gesicht des anderen bedrohen könnten. Man lehnt beispielsweise Angebote ab, bittet um einen Gefallen oder entschuldigt sich für etwas. Höflichkeit hilft dann, diesen Konflikt zu lösen.

 

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Gesichtsbedrohende Akte

Es gibt viele verschiedene gesichtsbedrohende Akte und mehrere Möglichkeiten, sie zu vollziehen. Gesichtsbedrohende Akte oder FTAs (face-threatening acts), die das negative Gesicht bedrohen sind z.B. Befehle, Ratschläge, Erinnerungen, Warnungen, Drohungen, also alle Sprechakte, die dazu dienen, den Adressaten zu einer Handlung zu bewegen oder ihn in seiner Handlungsfreiheit einschränken. FTAs, die das positive Gesicht bedrohen sind Sprechakte, die anzeigen, dass dem Sprecher die Gefühle des Adressaten egal sind bzw. die kein Gemeinschaftsgefühl erzeugen, wie Kritik, Gegenmeinungen, Beschwerden oder Beleidigungen. Während diese FTAs das Gesicht des Hörers bedrohen, gibt es noch FTAs, die sich auf den Sprecher beziehen. Bedankt er sich beispielsweise für etwas, gesteht er eine Schuld ein und bedroht damit sein eigenes negatives Gesicht. Akzeptiert er ein Kompliment, bedroht er möglicherweise sein positives Gesicht, vor allem, wenn er sich gezwungen sieht, den Grund für das Kompliment herunterzuspielen. Somit gibt es vier verschiedene Typen von FTAs. Dazu gibt es auch mehrere Strategien, mit denen man FTAs vollziehen kann. Man kann statt eines Sprechakts nur eine nonverbale Handlung vollziehen und beispielsweise in der Tasche kramen, um einen Stift zu suchen und darauf hoffen, dass der Adressat diesen Hinweis versteht. Möchte man einen FTA äußern, kann man das offenkundig oder nicht offenkundig machen. Ein offenkundiger (on record) FTA ist ein Sprechakt, bei dem die Absicht des Sprechers eindeutig ist. Der Sprechakt hat also nur eine illokutionäre Kraft. Man kann den FTA nun ganz offenkundig (bald on record) vollziehen. Das bedeutet, dass der Sprechakt sehr direkt und klar vollzogen wird. Das ist oft bei militärischen Befehlen der Fall, die sehr kurz und präzise sein müssen. Da bei dieser Strategie das negative Gesicht des Hörers stark bedroht wird, werden sie meist nur dann vollzogen, wenn der Sprecher keine Konsequenzen zu befürchten hat, er also beispielsweise einen höheren Status hat. Bring den Müll runter! ist also ein ganz offenkundiger gesichtsbedrohender Akt. Die andere Alternative ist positive oder negative Höflichkeit. Das heißt, man vollzieht zwar einen FTA, wahrt aber das Gesicht des anderen. Mit positiver Höflichkeit wahrt man das positive Gesicht. Damit sind Sprechakte gemeint, die die Nähe zum Hörer betonen. Der Sprecher gibt zu verstehen, dass er dieselben Interessen hat wie der Hörer. Ein Sprechakt der positiven Höflichkeit wäre z.B. Lass uns die Hausaufgaben zusammen machen. Die negative Höflichkeit dient dem Wahren des negativen Gesichts, also der Autonomie des Hörers. Dabei wird Distanz betont. Man will die Handlungsfreiheit des Adressaten auf keinen Fall einschränken. Sie gehen deshalb oft mit vorherigen Entschuldigungen, Heckenausdrücken oder Passivstrukturen einher. Ein Beispiel hierfür wäre: Entschuldigen Sie, könnten Sie bitte das Fenster öffnen? Um dieses Ziel zu erreichen, kann man den FTA auch nicht offenkundig (off record) vollziehen. Man kann beispielsweise sagen:Es ist aber sehr kalt hier, ohne dass sich der Adressat angesprochen fühlen muss. Die Sprecherabsicht wird nicht offenkundig gemacht und muss erschlossen werden. Andere nicht offenkundige FTAs sind Metaphern, Ironie, Untertreibungen oder Tautologien. Bei diesen FTAs wird also gegen die Maximen von Grice verstoßen. In dieser Übersicht kannst du noch einmal die Strategien nachvollziehen:


Doch welche dieser 5 Strategien ist nun am höflichsten?

 

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Konsequenzen der FTAs

Bei offenkundigen Akten wirkt der Sprecher nicht manipulativ, sondern ehrlich und er gibt zu verstehen, dass er dem Adressaten vertraut. Er umgeht Missverständnissen, indem er seine Absicht deutlich äußert. Mit positiver oder negativer Höflichkeit kann er die Bedrohung des Gesichts durch den FTA mit dem jeweiligen gesichtswahrenden Akt ausgleichen. Man kann seine Zugehörigkeit oder Respekt betonen. Ganz offenkundige FTAs sind besonders effizient. Der Sprecher richtet sich nach den Maximen von Grice und äußert den FTA sehr direkt und präzise. Dabei geht es nicht um die Wahrung des Gesichts. Das Gegenteil ist bei den nicht offenkundigen FTAs der Fall. Diese können sehr taktvoll sein und schränken den Adressaten in seiner Handlungsfreiheit nicht ein. Damit wird das negative Gesicht des Sprechers mehr gewahrt als durch negative Höflichkeit. Anders als bei den offenkundigen FTAs entzieht sich der Sprecher der Verantwortung für den FTA, der möglicherweise auch missverstanden werden kann. Somit ergibt sich folgende Anordnung, bei der nicht offenkundige FTAs am höflichsten sind:

  Strategie Möglichkeiten
1. nicht offenkundig Konversationsmaximen missachten
2. negative Höflichkeit Zwang auf Hörer vermeiden, Autonomie und Handlungsfreiheit des Hörers betonen, Schuld auf sich nehmen
3. positive Höflichkeit Gemeinsamkeit und Kooperation betonen, Wünsche des Hörers erfüllen
4. ganz offenkundig Konversationsmaximen befolgen

 

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Weitere Einflussfaktoren

Das Gesicht ist der entscheidende Faktor, der sich auf die Höflichkeit auswirkt. Doch das ist abhängig von den Umständen, den Menschen und ihren kulturellen Begebenheiten. Höflichkeit wird aber auch durch drei weitere Variablen bestimmt, die das Gewicht des FTAs ausmachen: der Zwang, der durch den FTA entsteht, die Distanz zwischen Sprecher und Hörer und das Machtverhältnis unter ihnen. Untersuchungen ergaben, dass ein höherer Status des Sprechers mit weniger Höflichkeit einhergeht. Steht man in der Hierarchie höher als der Sprecher, hat das einen Effekt auf die Höflichkeit von negativen Sprechakten wie Beschwerden oder Kritik. Die Distanz wirkt sich unterschiedlich auf die Höflichkeit aus. Es gibt Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass eine große Distanz mit mehr Höflichkeit einhergeht. Andererseits ist man unter Umständen auch höflicher, wenn man die Person sehr mag. Ist der Zwang höher, bittet man den Adressaten beispielsweise um einen großen Gefallen, legt man mehr Wert auf Höflichkeit. Auch wenn Macht und Distanz die wichtigsten Faktoren sind, gibt es noch andere, wie Geschlecht, Ethnizität oder die Stimmung des Sprechers, die sich auf die Höflichkeit auswirken.

 

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Kulturbedingte Höflichkeit

Brown und Levinson gehen in ihrer Theorie davon aus, dass Höflichkeit universal ist. Die Aspekte, die das Gesicht ausmachen, können kulturbedingt verschieden sein, aber das Wissen vom eigenen Gesicht, an dem man sich im sozialen Kontakt orientiert, ist universal. Außerdem kann man vom Beobachten einer Interaktion zwischen zwei Sprechern einer anderen Kultur auf ihr Verhältnis zueinander schließen, aufgrund der FTAs, die sie verwenden. Dennoch gibt es viele kulturelle Unterschiede, was Höflichkeit ausmacht, wie sie umgesetzt wird usw. Die Variablen Macht und Distanz können sich beispielsweise stark unterscheiden. Es gibt Kulturen, in denen das Individuum bedeutender ist und welche, die eher die Gemeinschaft betonen. Das wirkt sich dementsprechend auf die positive und negative Höflichkeit aus. So kann es auch zu einigen Missverständnissen kommen. Native Athabaskan-Sprecher (in Alaska) gehen von einer größeren Distanz zwischen einander unbekannten Sprechern aus als englischsprechende Nordamerikaner. Deshalb verwenden sie negative Höflichkeitsstrategien, während die Nordamerikaner zu positiver Höflichkeit tendieren. Diese Strategie wird allerdings als weniger höflich betrachtet, so dass vermutet wird, dass eine geringere Distanz oder ein höherer Status ausgedrückt werden soll. Die Nordamerikaner nehmen an, dass ihre Höflichkeitsstrategie Nähe herstellt, während die Athabaskan-Sprecher annehmen könnten, dass ein Staatsstreich beabsichtigt wird. Man sollte also immer darauf achten, welche Strategie in welcher Situation angebracht ist.

 

Literatur:
Brown, P./Levinson, S. 1987. Politeness: Some Universals in Language Usage. Cambridge: Cambridge University Press.
Holtgraves, Thomas. 2005. Social Psychology, Cognitive Psychology, and Linguistik Politeness. In: Journal of Politeness Research 1. S. 73-93.