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Deixis

 

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Referenz

Sicher ist dir das auch schon einmal passiert: An der Bürotür hängt ein Zettel mit folgendem Inhalt: Bin in einer Stunde wieder zurück. Da stellt sich die Frage: Wann wurde dieser Zettel geschrieben? Wie lange muss ich noch warten? Das kann nur in Bezug zum Äußerungszeitpunkt geklärt werden. Das heißt, dieser Satz kann nur in Bezug auf den Kontext interpretiert werden.

Referenz
Referenz kann auch als soziale Handlung angesehen werden, bei der der Sprecher annimmt, dass der Ausdruck so verstanden wird, wie er es beabsichtigt hat.

Wir haben den Kontext-Begriff bereits kennengelernt. Dieser ist sehr wichtig, denn es gibt wichtige Beziehungen zwischen Sprache und Kontext, die sich in der Deixis widerspiegeln. Deixis ist ein Spezialfall der Referenz. Mit Referenz meint man die sprachliche Bezugnahme auf Personen, Gegenstände oder Sachverhalte. Diese Bezugnahme kann kontextunabhängig sein. Die Verwendung eines Eigennamens wie Harald Schmidt und definite Kennzeichnungen, bei der die Identifikation aufgrund einer bestimmten Eigenschaft erfolgt, wie der höchste Berg Europas sind kontextunabhängig. Definite Kennzeichnungen müssen sich auch nicht immer auf ein bestimmtes Objekt beziehen. Mit einer Äußerung wie Der Papst ist unfehlbar kann man auf den gerade amtierenden Papst referieren, man kann sich aber auch auf die Eigenschaft beziehen, die für jeden Papst gilt. Im ersten Fall wird die definite Kennzeichnung referentiell, im zweiten Fall attributiv, im Sinne von auf wen auch immer diese Beschreibung zutrifft gebraucht. Referenz kann aber auch kontextabhängig sein. Stellen wir uns folgende Geschichte vor:

Es war einmal ein armes, frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen. Da ging das Kind hinaus in den Wald, und begegnete ihm da eine alte Frau, die wußte seinen Jammer schon und schenkte ihm ein Töpfchen, zu dem sollt es sagen: 'Töpfchen, koche', so kochte es guten, süßen Hirsebrei, und wenn es sagte: 'Töpfchen, steh', so hörte es wieder auf zu kochen.

In dem Märchen wird mit den Ausdrücken armes, frommes Mädchen, das Kind, und es jeweils auf dieselbe Person referiert. Das wissen wir, weil wir den Kontext kennen. Der kontextabhängige Bezug von Wörten auf außersprachliche Objekte wird Deixis genannt. Sprachen können also Merkmale des Äußerungskontextes oder Sprecherereignisse mit Hilfe deiktischer Ausdrücke enkodieren. Dabei hängt die Interpretation dieser Ausdrücke immer vom Äußerungskontext ab. So bezeichnet es in so hörte es wieder auf zu kochen beispielsweise nicht das Mädchen, sondern bezieht sich auf das Töpfchen.

Karl Bühler unterscheidet zwischen einem Zeigfeld und einem Symbolfeld der Sprache. Das Symbolfeld beinhaltet nicht-deiktische Ausdrücke, Nennwörter mit konstanter Bedeutung wie Haus. Das Zeigfeld umfasst deiktische Ausdrücke, die nur verstanden werden, wenn man die damit verbundene Aufforderung zum Bezug auf die jeweilige Situation erkennt. Doch wie werden deiktische Ausdrücke interpretiert? Deixis ist egozentrisch strukturiert, es gibt also ein deiktisches Zentrum, in dem die zentrale Person der Sprecher ist, die zentrale Zeit der Zeitpunkt, an dem die Äußerung produziert wird, und der zentrale Ort der Aufenthaltsort des Sprechers zur Äußerungszeit ist. Der egozentrische/sprecherzentrierte Charakter lässt an Äußerungen wie Links neben der Dame steht der König erkennen, bei denen der Sprecher von sich ausgeht, denn links von der Dame aus Sicht des Schachgegners steht der Läufer. Es wird also im unmarkierten Fall angenommen, dass die Ausdrücke hier, jetzt, ich auf den Sprecher, den Ort, an dem sich der Sprecher befindet und die Zeit, in der der Sprecher die Äußerung vollzieht, referieren. Bühler nennt das deiktische Zentrum dementsprechend Ich-jetzt-hier-Origo. Ausnahmen von dieser egozentrischen Ausrichtung sind spezielle sprachspezifische Demonstrativpronomen, die z.B. vom Aufenthaltsort anderer Teilnehmer aus referieren können. Aber auch in Erzählungen, bei denen sich das deiktische Zentrum auf den Protagonisten verlagert, oder bei dem sogenannten historischen Präsens kann man Abweichungen von diesem Zentrum feststellen.

 

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Verwendung deiktischer Ausdrücke

Bevor wir einige deiktische Ausdrücke näher kennenlernen, sollen deren vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten vorgestellt werden.

Deiktische Ausdrücke können sowohl deiktisch als auch nicht-deiktisch verwendet werden. Deiktische Ausdrücke mit deiktischer Verwendung können außerdem gestisch und symbolisch verwendet werden. Gestisch verwendete deiktische Ausdrücke sind nur interpretierbar, wenn man das Sprecherereignis genau beobachten kann. Stellen wir uns folgende Situaton vor: Zwei Fotos liegen auf dem Tisch und ein Polizist sagt: Dies ist echt, dies ist eine Fälschung. Nur mit einer entsprechenden Geste sind die Demonstrativpronomen in der Äußerung interpretierbar. Auch die Betonung bestimmter Ausdrücke wie in Philipp kann SO LAUT schreien entspricht einer gestischen Verwendung. Anders verhält es sich bei der symbolischen Verwendung. Da muss nur der Kontext bekannt sein. Beispielsweise kann man die Äußerung Diese Stadt ist wirklich schön verstehen, wenn man weiß, wo sich der Sprecher aufhält.

Eine nicht-deiktische Verwendung deiktischer Ausdrücke ist in Äußerungen wie Ich habe so dies und das gemacht oder Da kannst du mal sehen nachvollziehen. Die unterstrichenen Ausdrücke beziehen sich dabei nicht auf etwas Bestimmtes. Nicht-deiktische Ausdrücke kann man anaphorisch und nicht-anaphorisch wie dies und das verwenden. Bei der anaphorischen Verwendung bezieht sich ein Ausdruck auf dieselbe Entität, auf die vorher bereits mit einem anderen Begriff referiert wurde. Das trifft auf sie im Satz Anne ist da, und sie hat Kuchen mitgebracht. zu. Um die Verwirrung noch etwas zu erhöhen, sollte erwähnt werden, dass ein deiktischer Ausdruck zugleich sowohl anaphorisch als auch deiktisch verwendet werden kann. Ein Beispiel dafür wäre folgende Äußerung: Ich bin in London geboren und habe seither immer dort gelebt. Dort referiert auf denselben Ort wie London und steht in der deiktischen Raumdimension im Kontrast zu hier, denn es wird angezeigt, dass die Äußerung außerhalb von London gemacht wurde. Weiterhin ist ein gestischer Gebrauch mit einer nicht-deiktischen, anaphorischen Verwendung möglich: Ich habe mir in den Finger geschnitten - in diesen. Diesen referiert auf das, worauf auch Finger referiert, muss aber mit einer Geste gezeigt werden. Grundlegend sind aber folgende Unterscheidungen:


 

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Personendeixis

Personendeiktische Ausdrücke enkodieren die Teilnehmer-Rollen im Sprechereignis, in dem die Äußerung gemacht wird. Das ist mit Personalpronomen möglich, wie wir sie in der Morphologie schon in der grammatischen Kategorie Person kennengelernt haben. Die erste Person ist die Grammatikalisierung der Referenz des Sprechers auf sich selbst, die zweite Person verweist auf Angesprochene und die dritte Person auf Personen, die weder Sprecher noch Angesprochene sind. Nur anhand des Kontextes kann man rekonstruieren, auf wen damit referiert wird. Wie wir bereits wissen, kann es in den Sprachen sehr verschiedene Personalpronomen geben und auch in Bezug auf die Angesprochenen kann deren Bezug abweichen, wenn man an das inklusive und exklusive Wir denkt. Die Personalpronomen des Japanischen enthalten auch Informationen über das Genus des Sprechers, den sozialen Status des Referenzobjekts und den damit verbundenen Grad der Vertrautheit. Das Pronomen der zweiten Person kimi bedeutet bespielsweise "du, angesprochen von diesem dir nahestehenden männlichen Sprecher". Auch Anredeformen sind deiktische Ausdrücke. Bei ihnen unterscheidet man zwischen An- oder Aufrufen wie He Sie, Sie haben da was fallen lassen. und Anreden wie gnädige Frau. Diese Unterscheidung entspricht der zwischen gestischer und symbolischer Verwendung. Aufrufe wie He Sie stehen immer am Anfang einer Äußerung. Anreden wie gnädiges Fräulein können auch am Anfang stehen, können aber auch als Einschübe auftreten. Man kann nicht alle Aufrufe wie Anreden verwenden. *Nein, he Sie, so meinte ich das nicht wäre ein wenig merkwürdig, aber du kannst einen ähnlichen Satz mal äußern und beobachten, was er bewirkt.

 

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Zeitdeixis

Die Zeitdeixis betrifft die Enkodierung von Zeitpunkten und -spannen relativ zur Äußerungszeit. Dieser Zeitpunkt wird auch Kodierungszeit genannt und kann von der Rezeptionszeit, die Zeit, in der die Äußerung empfangen wird, abweichen. Stimmen beide überein, handelt es sich um deiktische Simultanität. Doch oft, vor allem bei der schriftlichen Kommunikation, ist das nicht der Fall. Dann muss entschieden werden, ob das deiktische Zentrum beim Sprecher und der Kodierungszeit bleibt wie in Ich schreibe diese Postkarte, während ich im Strandkorb sitze, oder auf den Angesprochenen und die Rezeptionszeit projiziert werden soll wie in Ich schrieb diese Postkarte, während ich im Strandkorb saß. Durch die Tempora Präsens, Präteritum oder Futur, Zeitadverbien wie jetzt, dann, heute, morgen oder komplexe Zeitadverbiale wie letzten Montag mit einem deiktischen Modifikator (letzten) und einer Angabe nicht-deiktischer Art (Montag) kann die Zeitdeixis grammatikalisiert werden. Man muss den Äußerungszeitpunkt kennen, um zeitdeiktische Ausdrücke zu interpretieren. Aber auch wenn man diesen Zeitpunkt kennt, können zeitdeiktische Ausdrücke immer noch abweichend interpretiert werden. So wird das Adverb jetzt in den Äußerungen Jetzt schreibe ich den Brief und Früher verwendete man Brieftauben, jetzt gibt es nur noch E-Mails für eine unterschiedliche Zeitspanne verwendet.

Die Zeitadverbien heute, morgen und gestern setzen eine Zeiteinteilung in Tagesspannen voraus. Mit morgen wird demnach auf den folgenden Tag nach dem Tag der Äußerung verwiesen. Die Sprachen verwenden verschiedene deiktische Tagesangaben. So gibt es im Japanischen Bezeichnungen für drei Tage vor heute und zwei danach und im Hindi gibt es nur ein Wort für gestern und morgen. Die Temporaladverbien haben einen Vorrang gegenüber kalendarischen Tagesbezeichnungen wie Donnerstag. Vielleicht ist es dir auch schon mal so ergangen: ein Freund sagte Nächsten Donnerstag gehen wir ins Kino und du wusstest nicht, ob er nun den Donnerstag in der Woche der Äußerungszeit meint, oder den Donnerstag der darauf folgenden Woche. Doch diese Äußerung ist nur an einem Montag oder Dienstag ambig. Wird diese Äußerung am Freitag, Samstag oder Sonntag vollzogen, ist der nächste folgende Donnerstag gemeint. Da Temporaladverbien bevorzugt werden, würde man an einem Mittwoch Morgen gehen wir ins Kino äußern. Nun musst du also nicht mehr nachfragen, welcher Donnerstag gemeint ist, sondern kannst es anhand der Kodierungszeit rekonstruieren.

 

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Raumdeixis

Die Enkodierung von Orten relativ zum Aufenthaltsort der Teilnehmer am Sprecherereignis wird durch die Raumdeixis gewährleistet. Vermutlich alle Sprachen unterscheiden mindestens zwischen proximal, also nahe beim Sprecher und distal (nicht-proximal und eventuell nahe beim Angesprochenen). Doch viele differenzieren noch konkreter. Um auf Objekte in Sprechernähe zu referieren kann man z.B. das Demonstrativpronomen dieser oder das deiktisches Lokaladverb hier verwenden. Um die Distanz zu betonen, dienen die Entsprechungen jener oder dort. In der nordwestamerikanischen Sprache Tlingit gibt es Demonstrativpronomen für dies genau hier, dieses in der Nähe, jenes dort drüben und jenes ganz dort drüben. Aber auch hinsichtlich der verschiedenen Teilnehmer-Rollen können raumdeiktische Ausdrücke unterschieden werden, wie in der philippinischen Sprache Samal, in der man auf etwas referieren kann, was nahe beim Sprecher, nahe beim Angesprochenen, nahe bei den Zuhörern und nahe bei Personen, die anwesend sind, aber weder Sprecher, Angesprochene noch Zuhörende sind. Aber auch Ambiguitäten, die bereits am Beispiel der Schachfiguren angedeutet wurden, können auftreten, weil raumdeiktische Ausdrücke entweder deiktisch oder nicht-deiktisch verwendet werden können. Die Äußerung Robert ist der Mann links von Markus kann bedeuten, dass Robert auf der linken Seite von Markus steht oder links vom Sprecher aus. Weiterhin kann man auf Orte relativ zu anderen Objekten referieren wie in Das Kino ist zehn Meter vom Restaurant entfernt oder relativ zum Aufenthaltsort der Teilnehmer wie in Das Kino ist zehn Meter von hier entfernt. Auch Bewegungsverben wie kommen und gehen haben eine deiktische Komponente. So würde kommen bedeuten, dass sich jemand auf den Ort des Sprechers hinzu bewegt und gehen, dass er sich von ihm entfernt. In der Äußerung Ich komme bewegt man sich allerdings zum Angesprochenen. Das deiktische Zentrum wird dann aus Gründen der Höflichkeit auf den Angesprochenen projiziert. Im Japanischen müsste man stattdessen ich gehe sagen. Wenn deine Mutter dich das nächste Mal zum Essen ruft, kannst du antworten: Ich gehe! und beobachten, was passiert.

Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Vermischung von raumdeiktischen und zeitdeiktischen Ausdrücken wie in Zehn Minuten von hier ist das Kino. Mit dem temporalen Ausdruck zehn Minuten wird auf einen Ort referiert. Umgekehrt kann man auch raumdeiktische Ausdrücke im zeitlichen Sinn gebrauchen, wie in this time. Fraglich ist dabei, was nun fundamentaler ist. Man kann argumentieren, dass Raumdeixis immer ein implizites zeitdeiktisches Element beinhaltet, denn bei der Ortsbestimmung muss man immer den Ort des Sprechers zur Kodierungszeit berücksichtigen, so dass Zeitdeixis fundamentaler erscheint. Andererseits können viele raumdeiktische Ausdrücke auch im zeitlichen Sinne gebraucht werden, wie In dieser Woche kommt Onkel Harald zu Besuch. Sowohl der raumdeiktische Ausdruck dieser als auch die lokale Präposition in verweisen auf eine bestimmte Zeitspanne. Es wird angenommen, dass Raumdeixis also grundlegender ist.

 

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Diskursdeixis

Mit diskursdeiktischen Ausdrücken kann man auf Teile des Diskurses oder Textes verweisen, die diese Ausdrücke enthalten. Ein Diskurs erstreckt sich über eine bestimmte Zeitspanne, so dass zeitdeiktische Ausdrücke für solche Verweise genutzt werden können. Analog zu letzte Woche wäre dann der diskursdeiktische Ausdruck letztes Kapitel. Auch raumdeiktische Ausdrücke werden verwendet. Z.B. Ich wette, diesen Witz kennst du nicht… oder Das war ein lustiger Witz. Es gibt viele Ausdrücke, die in Relation zu einer Äußerung im vorherigen Diskurs stehen wie aber, deshalb, folglich, übrigens, eigentlich etc. Interessant ist dabei, dass sie Bedeutungskomponenten enthalten, die semantisch, also in Bezug auf wahrheitsfunktionale Aspekte nicht vollständig beschreibbar sind. Das heißt, sie haben eine rein pragmatische Funktion. Sie zeigen an, inwiefern die so eingeleitete Äußerung eine Antwort, Weiterführung oder Entgegenstellung des vorherigen Diskurses ist. Man muss auch zwischen diskursdeiktischen und anaphorischen Ausdrücken unterscheiden. Mit Anaphern, normalerweise sind das Personalpronomina, wird auf genau dieselbe Entität, auf die vorher bereits mit einem anderen Begriff verwiesen wurde, referiert. Harald rauchte stark, deshalb starb er früh. Das Personalpronomen er verweist auf dasselbe Referenzobjekt, auf das vorher schon mit dem Eigennamen Harald verwiesen wurde. Sie sind koreferentiell, weil sie sich auf dasselbe Objekt beziehen. Sie werden meist mit deiktischen oder anderen definiten Referenzausdrücken in einen Diskurs eingeführt und später wird mit Anaphern auf dieselbe Entität referiert. Die Ausdrücke, auf die sich Anaphern beziehen, werden Antezedenten genannt. Einen Vorverweis wie in: Mit 17 Jahren gewann er Wimbledon. Jetzt ist Boris Becker 40. nennt man Katapher.

Auch wenn sich, wie wir gesehen haben, deiktische und anaphorische Verwendungsweisen nicht gegenseitig ausschließen, kann man den Unterschied dennoch folgendermaßen zusammenfassen: Wenn ein Pronomen auf einen sprachlichen Ausdruck als solchen referiert, wird es diskursdeiktisch verwendet, wenn ein Pronomen auf dieselbe Entität bzw. außersprachliches Objekt wie vorher schon ein anderer sprachlicher Ausdruck referiert, liegt einen anaphorische Verwendung vor. Die Unterscheidung kann allerdings oft problematisch sein. Für einige Fälle, ist es nicht immer eindeutig, ob es sich um eine anaphorische oder diskursdeiktische Verwendung handelt. Betrachten wir folgende Äußerungen: Anne: Ich habe diesen Mann noch nie gesehen. Philipp: Das ist eine Lüge. Worauf bezieht sich das Pronomen das? Man könnte argumentieren, dass es sich um eine anaphorische Verwendung handelt, da es sich auf dieselbe Entität wie die Äußerung von Anne handelt, nämlich auf die Proposition bzw.auf die Zuordnung des Wahrheitswertes "wahr" auf den propositionalen Gehalt. Andererseits könnte das diskursdeiktisch sein und sich auf die Behauptung, die mit der Äußerung des Satzes gemacht wird, beziehen. Hier handelt es sich um unreine textuelle Deixis, quasi ein Mittelding zwischen beiden Verwendungsweisen.

 

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Sozialdeixis

Mit sozialdeiktischen Ausdrücken kann man die gesellschaftliche Identität der Teilnehmer sprachlich ausdrücken. Sofern Sozialdeixis grammatikalisiert ist, kann damit die soziale Beziehunge zwischen Sprecher, Hörern und anderen, ihren gesellschaftlichen Status etc. betont werden. Höflichkeitsformen, Anreden und Titel sind sozialdeiktische Ausdrücke. Es gibt zwei Arten von Sozialdeixis: die relationale und absolute Sozialdeixis. Sie sind vermutlich in allen Sprachen der Welt enkodiert. Die relationale Sozialdeixis beschreibt die Beziehung zwischen a) Sprecher und Referenzobjekt, b) Sprecher und Angesprochenem, c) Sprecher und Anwesenden und d) Sprecher und Situation. Nur für die ersten drei Relationen sind Höflichkeitsformen relevant. Respekt kann der Sprecher nur über a), also im Bezug zum Referenzobjekt ausdrücken. Man muss dabei auf das Ziel des Respekts referieren, was bei b) nicht unbedingt notwendig ist. Die unterschiedlichen Pronomen des Französischen tu/vous (T/V-Pronomen) drücken also die Beziehung zwischen Sprecher und Referenzobjekt (hier: Angesprochenem) aus. Respekt äußern ohne direkt auf den Angesprochenen bezugzunehmen, ist in vielen ostasiatischen Sprachen wie dem Koreanischen oder Japanischen üblich. Dort kann man mit einem Satz wie Die Suppe ist heiß mit einer sprachlichen Alternative für z.B. Suppe seinen Respekt äußern, ohne direkt auf den Angesprochenen zu referieren. Solche Sprachen weisen eine erstaunlich hohe Vielfalt sozialdeiktischer Markierung auf. Es lässt sich im Prinzip kaum ein Satz ohne Bezug auf die Sozialdeixis analysieren. Höflichkeitsformen für Anwesende, also Zuhörer oder Mithörer, die keine Teilnehmer sind, mit denen man Relation c) ausdrücken kann, sind z.B. spezielle königliche Höflichkeitsformen im Ponapeanischen. Die letzte Relation, den Bezug zur Situation, betrifft die formelle und informelle Verwendung der Sprache. Im Japanischen ist diese Unterscheidung durch den Mas-Stil grammatikalisiert.

Die absolute Sozialdeixis betrifft Formen, die nur von bestimmten, autorisierten Sprechern verwendet werden. Das Höflichkeitspartikel kháb in Thai kann nur von männlichen, khá nur von weiblichen Sprechern geäußert werden. Formen, die nur für autorisierte Empfänger gelten, wären z.B. Titel wie Euer Ehren. Sozialdeixis kann sich beträchtlich auf die Morphologie und Syntax auswirken. Verwendet eine Sprache T/V-Pronomen, sind diese meist aus der zweiten oder dritten Person Plural entlehnt, so dass das Verb ebenfalls im Plural erscheinen muss, um nur ein kleines Beispiel zu nennen. Überall im Sprachsystem können sozialdeiktische Informationen enkodiert sein. Suppletivformen, Partikeln, Affixe können betroffen sein oder auch über Prosodie kann man solche Relationen übermitteln.

 

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Deixis zwischen Semantik und Pragmatik

Wie wir bereits wissen, ist die Grenze zwischen Semantik und Pragmatik nicht ganz eindeutig. Von daher ist es auch unklar, in welchen Bereich die Deixis einzuordnen ist. Unbestritten ist der kontextabhängige Charakter deiktischer Ausdrücke, denn nur in Bezug auf den Äußerungskontext kann man sie überhaupt interpretieren. Nur dann lassen sich auch erst Wahrheitswerte zuordnen. Andererseits haben sie auch eine wörtliche Bedeutung. Ich bedeutet Sprecher, jetzt Sprecherzeitpunkt und hier Sprecherort, was den semantischen Charakter betont. So gesehen hat die Deixis eine pragmatische und semantische Seite. Zumindest die Sozialdeixis ist aber ein rein pragmatisches Phänomen, denn sie hat keinen Einfluss auf die Wahrheitsbedingungen. Sowohl die Äußerung Du bist Napoleon also auch Sie sind Napoleon sind beide wahr oder falsch. Auch diskursdeiktische Ausdrücke wie übrigens und jedenfalls am Beginn einer Äußerung verändern deren Wahrheitsbedingungen nicht. Es spricht also einiges dafür, die Deixis innerhalb der Pragmatik einzuordnen.

 

Literatur:
Levinson, Stephen 2000. Pragmatik. Tübingen: Niemeyer.