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Silbenphonologie

 

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Die Silbe mp3

Jeder kann die Silben eines Wortes intuitiv aufzählen. Trotzdem ist die formale Silbifizierung, die Platzierung der Silbengrenzen innerhalb eines Wortes, gar nicht so einfach. Normalerweise ist der Silbenkern ein Vokal. Die Laute, die vor dem Kern vorkommen, bilden den Silbenanlaut; die Laute, die nach dem Kern vorkommen, bilden den Silbenauslaut. Im Wort Tracht [tʁaxt] ist z.B. der Silbenanlaut [], der Silbenkern [a] und der Silbenauslaut [xt].

Die Silbe ist uns wichtig, weil sie die relevante Domäne für viele phonologische Regeln und Beschränkungen darstellt. Einige von diesen, die uns in früheren Kapiteln begegnet sind, können wir in diesem Kapitel nochmal betrachten und verfeinern. Nehmen wir folgende Daten bezüglich der deutschen Auslautverhärtung. Der Punkt (.) in den Transkriptionen steht für eine Silbengrenze.

  Stimmlos am Silbenende Stimmhaft am Silbenanfang
  lesbar (les+bar) [le:s.ba:] lesen (les+en) [le:.zən]
  biegsam (bieg+sam) [bi:k.za:m] biegen (bieg+en) [bi:.gən]

Anhand der Beispiele der ersten Spalte ist es klar, dass die Auslautverhärtung auch innerhalb eines Wortes, also nicht nur am Wortende, operieren kann. Tatsächlich operiert die Auslautverhärtung eigentlich nicht am Wortende, sondern eher am Silbenende wie in folgender Regel. Das Symbol für eine Silbe ist das Sigma (σ); der Silbenanfang und das Silbenende werden mit σ[ und ]σ symbolisiert.

(7.1.1) Auslautverhärtung: [-son] → [-sth] / __ ]σ

L-Allophone des Englischen

Ein weiteres Beispiel für die Silbe als eine phonologische Einheit ist die Verteilung der L-Allophone im Englischen.

In Kapitel 2 haben wir gelernt, dass der Kontext des dunkleren [ɫ] wortfinal bzw. vor einem Konsonanten ist. Diese ungünstige Disjunktion kann dadurch gelöst werden, dass wir den Kontext des [ɫ] einfach als den Silbenauslaut beschreiben, wie in ball oder milk; in allen anderen Umgebungen erscheint das zugrundeliegende [l].

Diese lineare Regel besagt also, dass Obstruenten am Silbenende entstimmt werden. Anhand der Wörter in der zweiten Spalte bemerken wir, dass die Silbengrenzen nicht unbedingt mit den Morphemgrenzen übereinstimmen. In diesem Kapitel werden wir sowohl die Silbifizierung als auch die Silbenstruktur noch viel genauer definieren.

Auch in der Phonotaktik spielt die Silbe eine große Rolle. In Kapitel 3 haben wir erfahren, dass es unklar ist, ob die Affrikaten im Deutschen aus einem Laut oder zwei Lauten bestehen. Es gibt eine phonotaktische Beschränkung für die deutsche Silbe, die zwei nichtkoronale Obstruenten als Silbenauslaut verbietet. Zum Beispiel ist Akt zulässig, Akp aber nicht. Allerdings scheinen Wörter wie Topf [tɔpf] diese Regel zu verletzen, es sei denn, die auslautenden Obstruenten zu einem einzigen Laut gehören. Das heißt, wenn [pf] eine monosegmentale Affrikate ist, bleibt die phonotaktische Beschränkung unverletzt. Eine solche Beschränkung auf Silbenebene gilt als eine Silbenstrukturbedingung. Eine Abfolge von Lauten, die in einer Silbenstrukturbedingung auftaucht, heißt ein Cluster.

 

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Sonorität mp3

Die Sonorität eines Lautes beschreibt seine perzeptive Wahrnehmbarkeit und ist umso höher, je weniger der Laut bei seiner Artikulierung verengt wird. Vokale haben also die höchste Sonorität. Unter den Konsonanten sind beispielsweise die Liquide sonorer als die Nasale; Obstruenten, die prototypischsten Konsonanten, haben die niedrigste Sonorität. Diese Sonoritätshierarchie lässt sich auch gut als Skala darstellen: Vokale > Liquide > Nasale > Obstruenten. (Die genauen Lautklassen und Sonoritätswerte, die in einer solchen Hierarchie auftauchen, hängen von der jeweiligen Theorie ab.)

Folgendes phonotaktisches Sonoritätsprinzip gilt bezüglich der Struktur einer Silbe als nahezu universell: Der Silbengipfel (Silbenkern) verfügt über die höchste Sonorität, und die Sonorität der Laute vor und nach dem Gipfel muss mit jeder Entfernung vom Gipfel ständig fallen.

Dies können wir anhand des einsilbigen englischen Wortes blog [blɑg] veranschaulichen. Die Sonorität wird an der vertikalen Achse der Abbildung dargestellt.

Wie du siehst, wird hier eine Art Berg abgebildet. Der Vokal bildet einen eindeutigen Gipfel, und die Sonorität jedes Konsonanten fällt in beiden Richtungen davon ab. Schauen wir zum Vergleich die unzulässige Silbe lbog *[lbɑg] an.

Endlich wissen wir, wieso lbog keine gute Silbe des Englischen ist: Sie missachtet das Sonoritätsprinzip! Dies erkennt man an der verkrümmten Abbildung. (Auch als Wort gilt lbog aufgrund weiterer phonotaktischer Beschränkungen weder im Englischen noch im Deutschen. Wenn du versuchst es auszusprechen, wirst du wohl etwas wie elbog [əl.bɑg] erzeugen... was immer das sein mag!)

Um die Silben eines Wortes zu identifizieren, muss man zuerst die Silbengipfel aussuchen. Jeder Gipfel bildet den Kern einer Silbe und gilt als silbisch. Um die Grenzen dieser Silben zu identifizieren, brauchen wir den nächsten Kapitelabschnitt.

 

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Onset-Maximierung mp3

Die Onset-Maximierung ist ein nahezu universelles Prinzip, das die Silbifizierung von Wörtern beschreibt: Jede Silbe eines Wortes wird so gebildet, dass ihr Silbenanlaut möglichst groß ist. Dabei dürfen weder universelle noch sprachspezifische phonotaktische Beschränkungen verletzt werden. Onset-Maximierung macht die Silbifizierung von Wörtern in den meisten Fällen vorhersagbar, so dass diese Information nicht in den zugrundeliegenden Repräsentationen vorhanden sein muss.

Nehmen wir als Beispiel das zweisilbige Wort Fabrik. Die Konsonanten werden durch Onset-Maximierung so zugeordnet, dass sich [fa.bʁi:k] ergibt. Dies lässt sich dadurch bestätigen, dass die Auslautverhärtung nicht für das [b] operiert. (Wenn das [b] zu dem Auslaut der ersten Silbe gehören würde, würde es der Auslautverhärtung unterliegen, was nicht der Fall ist.) Läge eine Sprache vor, in der [] ein phonotaktisch unzulässiger Cluster im Silbenanlaut darstellen würde, müsste die Silbengrenze anders platziert werden, um die phonotaktische Beschränkung nicht zu verletzen. Das Sonoritätsprinzip kann einen großen phonotaktischen Einfluss auf die Onset-Maximierung ausüben. Als Beispiel führen wir das Wort albern an, das wegen des Sonoritätsprinzips [al.bɐn] statt *[a.lbɐn] lautet.

Bei der Silbifizierung von Wörtern gibt es oft ein kompliziertes und leider nicht unbedingt eindeutiges Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren wie Onset-Maximierung, Phonotaktik und Morphemgrenzen.

 

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Silbenmarkiertheit mp3

Bezüglich der Struktur von Silben gibt es einige sprachübergreifende Markiertheitsaussagen.

  • Das Silbenanlautgesetz besagt, dass eine Silbe mit einem einzigen Konsonanten im Anlaut am wenigsten markiert ist. Weniger typisch in den Sprachen der Welt sind also die Fälle, dass es entweder keine oder mehrere Konsonanten im Anlaut gibt.
  • Das Silbenauslautgesetz besagt, dass eine Silbe desto weniger markiert ist, je weniger Konsonanten im Auslaut stehen. Am typischsten sind also offene Silben, d.h Silben, die auf Vokal enden; geschlossene Silben kommen allgemein umso weniger vor, je mehr Konsonanten sie am Ende haben. Wenn wir diese zwei Gesetze zusammentun, erkennen wir, dass der Silbentyp KV (ein Konsonant im Anlaut, ein Vokal im Gipfel) am unmarkiertesten ist bzw. am häufigsten vorkommt.
  • Das Silbenkerngesetz besagt, dass Vokale die unmarkiertesten Silbengipfel sind; als Gipfel sind konsonantische Sonoranten markierter und Obstruenten am markiertesten. Alle Sprachen erlauben Vokale als Silbengipfel. In vielen Sprachen gibt es auch silbische Konsonanten, d.h. Konsonanten, die als Gipfel gelten können. Im Deutschen gibt es z.B. silbische Nasale in der umgangssprachlichen Aussprache von Infinitiven wie etwa geben [ge:.bn]. Silbische Obstruenten kommen in nur wenigen, meistens exotischen Sprachen vor.
  • Innerhalb eines Wortes gilt zusätzlich das Silbenkontaktgesetz: Ein Silbenkontakt (eine Grenze zwischen Silben) von zwei Konsonanten ist desto unmarkierter, je höher die Sonorität des letzten Lautes der ersten Silbe und je niedriger die Sonorität des ersten Lautes der zweiten Silbe. Das Wort albern [al.bɐn] ist ein geeignetes Beispiel dafür, weil der Sonoritätsabstand zwischen dem relativ sonoren Liquid [l] und dem Obstruenten [b] groß ist.

 

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Subsilbische Konstituenten mp3

In der nichtlinearen Phonologie werden Silben auf Schichten dargestellt, die hierarchisch über den Repräsentationen der Laute stehen. Die Silbe besteht dann zuerst aus einem Silbenknoten (σ), der die subsilbischen Konstituenten dominiert. Diese Konstituenten umfassen den Onset und den Reim. Der Onset (O) dominiert die Laute des Silbenanlauts. Der Reim (R) besteht wiederum aus dem Nukleus und der Koda. Der Nukleus (N) dominiert die Laute des Silbengipfels, und die Koda (K) dominiert die Laute des Silbenauslauts. Sämtliche Laute sind in diesem Silbenmodell zeitlich geordnet, wie in folgender Abbildung für Tracht [tʁaxt]. Merke dabei die Skelettpositionen, die wir im vorigen Kapitel besprochen haben.

Nun sind wir endlich in der Lage, die deutsche Auslautverhärtung vollständig zu erfassen! Sie operiert nämlich nicht nur am Silbenende wie in Regel 7.1.1, sondern eigentlich im ganzen Reim einer Silbe. Schau dir folgende Daten an.

  Stimmlos im Reim Stimmhaft im Onset
  sagt (sag+t) [za:kt] sagen (sag+en) [za:.gən]
  biegt (bieg+t) [bi:kt] biegen (bieg+en) [bi:.gən]

Anhand der Beispiele der ersten Spalte erkennen wir, dass das [g], das sich im Reim (aber nicht am Silbenende) befindet, der Auslautverhärtung unterliegt. Die endgültige Version der Auslautverhärtung lautet also: Obstruenten im Reim werden entstimmt. Dies wird mit der nichtlinearen Regel 7.5.1 erfasst.

(7.5.1) Auslautverhärtung:   Reim  
  |
[-son] → [-sth] / __

Statt einfacher Skelett- bzw. X-Positionen werden auch so genannte C- und V-Positionen verwendet. C-Positionen (für englisch Consonant) ersetzen X-Positionen dort, wo sich Laute in dem Onset oder in der Koda befinden. Eine V-Position (für Vowel) ersetzt dagegen die X-Position im Nukleus. Beispielsweise hat die kanonische deutsche Silbe die maximale Struktur von CCVCC, wie etwa Tracht [tʁaxt]. Der Vokal [a] steht hier im Nukleus und wird durch 'V' vertreten; die vier Konsonanten bilden die sonstigen subsilbischen Konstituenten und werden jeweils durch 'C' vertreten.

Silbenprobleme

Alle wissenschaftlichen Theorien stoßen irgendwann auf Komplikationen.

Die Silbenphonologie ist keine Ausnahme. Nehmen wir z.B. die einsilbigen englischen Wörter woo [wu:] und ye [ji:]. Versuche es, diese Wörter zu analysieren anhand des Sonoritätsprinzips, der Onset-Maximierung, der subsilbischen Konstituente, der Quantität und des Gewichts.

Man muss allerdings beachten, dass nicht alle V-Positionen unbedingt mit Vokalen besetzt sind, da silbische Konsonanten ebenso gut Silbengipfel bilden können. Ähnlicherweise sind nicht alle C-Positionen mit Konsonanten besetzt. Wir haben z.B. in Kapitel 5 bemerkt, dass Gleitlaute und Vokale nicht durch ihre Merkmale zu unterscheiden sind. Man nimmt nämlich an, dass diese Laute grundsätzlich gleich sind bis auf einen Unterschied: Wenn sie im Nukleus stehen, sind sie Vokale; wenn sie dagegen außerhalb des Nukleus liegen, sind sie Gleitlaute.

Bei manchen Wörtern gibt es bestimmte Komplikationen. Als erstes Beispiel nehmen wir das Wort Strumpfs [ʃtʁʊmpfs], das zugleich eine der längsten Silben des Deutschen darstellt. Diese Silbe verletzt das Sonoritätsprinzip sowohl im Anlaut als auch im Auslaut, da weder [ʃ] noch [s] seine Sonorität relativ zu seinem Nachbarn senkt. Außerdem passt ihre Struktur von CCCVCC(C)C nicht zur maximalen kanonischen Silbe des Deutschen. Um dies möglicherweise zu lösen, bezeichnet man die problematischen Laute als extrasilbisch, d.h. sie gehören nicht zur eigentlichen Silbenstruktur. Stattdessen werden sie irgendwann nachträglich in die Silbe inkorporiert, damit sie phonologischen Regeln noch unterliegen können. Zum Beispiel dürfte das [t] in Jagd [ja:kt] (phonologisch /ja:gd/, vgl. Jagden [ja:k.dən]) laut Sonoritätsprinzip nicht zur Silbe gehören; trotzdem muss es auf einer weniger abstrakten Ebene doch zum Reim gehören, um der Auslautverhärtung zu unterliegen (Hall 2000).

Eine weitere Komplikation gibt es bei intervokalischen Konsonanten, die scheinbar zu zwei benachbarten Silben gehören und daher als ambisilbisch gelten. Im englischen Wort reading ['ɻi:ɾɪŋ] (aus /ɻi:d+ɪŋ/) könnte man z.B. argumentieren, dass der alveolare Flap [ɾ] (Flap = geschlagener Laut) sowohl zur Koda der ersten Silbe als auch zum Onset der zweiten Silbe gehört. Dies löst eine sonstige Disjunktion im Kontext des Allophons [ɾ] aus /t d/.

 

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Quantität und Gewicht mp3

Die Quantität bzw. Länge eines Lautes ist in einer Sprache wichtig, wenn lange und kurze Laute kontrastieren können. Das Deutsche ist eine solche quantitätssensitive Sprache, wie wir den Wörtern Stadt [ʃtat] und Staat [ʃta:t] entnehmen. In Kapitel 5 haben wir erwähnt, dass Quantität nicht durch Merkmale ausgedrückt wird. Stattdessen werden Skelettpositionen als Zeiteinheiten betrachtet wie in folgenden Abbildungen der zwei Beispiele.

Demnach kennzeichnen sich lange Laute dadurch, dass sie von zwei Zeiteinheiten in der Skelettschicht dominiert werden. Dies schließt sowohl lange Vokale wie [a:] als auch Geminate wie [t:] (z.B. italienisch notte) ein. Diphthonge sind etwas komplizierter. Bei einem fallenden Diphthong ist die erste Hälfte silbisch, die zweite unsilbisch. Bei einem steigenden Diphthong ist die Situation umgekehrt. Um Diphthonge darzustellen, kann man die silbische Hälfte dem Nukleus zuordnen und die unsilbische Hälfte dem Onset bzw. der Koda. Die deutschen Diphthonge sind übrigens fallend.

Das Gewicht einer Silbe gibt an, ob sie leicht oder schwer ist. Eine leichte Silbe hat nur eine Zeiteinheit im Reim. Eine schwere Silbe verfügt dagegen über mehrere Zeiteinheiten im Reim. Der Reim einer schweren Silbe gilt als verzweigend, was man anhand seiner Baumabbildung nachvollziehen kann. Der Silbentyp KV (CV) ist z.B. leicht; die Typen KV: und KVK (CVC) sind beide schwer. Manche Wortakzentregeln basieren auf dem Silbengewicht, wie etwa im Lateinischen.

Ein alternatives Gewichtsmodell verwendet die so genannte Mora (μ) als eine Gewichtseinheit, die die anderen subsilbischen Konstituenten ersetzt. Die Laute des Silbenanlauts werden im Morenmodell direkt vom Silbenknoten dominiert, weil sie nichts zum Silbengewicht beitragen. Eine leichte Silbe verfügt über eine Mora; eine schwere Silbe verfügt über zwei. Ein kurzer Laut im Silbenkern wird von der einzigen bzw. ersten Mora dominiert. Ein langer Laut im Silbenkern wird von beiden Moren dominiert. Die Laute des Silbenauslauts werden der zweiten Mora zugewiesen. Dies wird in folgender Abbildung anhand des Wortes Hemdfabrik [hɛmt.fa.bʁi:k] dargestellt.

 

Literatur:
Hall, T. A. 2000. Phonologie: Eine Einführung. Berlin: de Gruyter.