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Phonologische Grundbegriffe II

 

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Phoneminventar des Deutschen mp3

In diesem Kapitel geht es lediglich darum, das Phoneminventar des Deutschen aufzulisten.

Hier also die Tabellen mit den deutschen Phonemen. Die Darstellungen basieren auf modifizierten IPA-Tabellen. (Phone, die hier keinen Phonemstatus haben, werden zum Vergleich in Klammern zusätzlich gezeigt.)

  Bilabial Labiodental Alveolar Postalveolar Palatal Velar Uvular Glottal
Plosiv p b     t d         k g     (ʔ)  
Nasal   m       n           ŋ        
Vibrant                           ʀ    
Frikativ     f v s z ʃ ʒ ç   (x)       h  
Affrikate     pf   ts                  
Approximant                   j            
Lateraler Approximant           l                    

  Vorder - Zentral - Hinter
Geschlossen i: (i) y: (y)               u: (u)
-     ɪ ʏ       ʊ    
Halbgeschlossen e: (e) ø: (ø)               o: (o)
-         ə        
Halboffen ɛ: ɛ œ               ɔ
-         (ɐ)        
Offen         a: a        

Dazu kommen die drei Diphthonge [ao aɪ ɔʏ], wie in Haus [haos], mein [maɪn] und neu [nɔʏ].

 

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Umstrittene Konsonanten mp3

Na gut, dieses Kapitel ist nicht ganz geschenkt: Bei manchen Phonemen kann man bestreiten, ob sie als solche wirklich gelten sollen. Wir schauen uns diese umstrittenen Konsonanten und Vokalen jetzt an.

1. Wie im vorigen Kapitel erläutert, ist [x] kein Phonem, weil es aus /ç/ abgeleitet werden kann.

2. Der glottale Plosiv [ʔ] ist auch kein Phonem. Sein Auftreten ist ebenfalls vorhersagbar, entweder am Wortanfang wie bei ich [ʔɪç] oder intervokalisch vor einem betonten Vokal wie in chaotisch [ka'ʔo:tɪʃ]. Diese zwei verschiedenen Kontexte bilden eine Disjunktion, eine Gruppe unverwandter Elemente. Eine Disjunktion wird zwischen geschweiften Klammern wie in folgender Regel ausgedrückt.

  → [ʔ] / { # __ V, V __ 'V }

Tatsächlich kann der Knacklaut in manchen Fällen kontrastieren, wie bei Ost [ʔɔst] und Kost [kɔst]. Wieso gilt er dann nicht als Phonem? Da eine Einfügungsregel sein Auftreten vorhersagbar macht, heißt es, dass er in der phonologischen, zugrundeliegenden Repräsentation eines Wortes nicht vertreten sein muss. Da Phoneme nach Definition zugrundeliegend sind, kann [ʔ] also kein Phonem sein. Die zugrundeliegende Form von Ost lautet dann /ɔst/. (Man könnte daher als die zugrundeliegende Form von [ʔ] betrachten.)

3. Manchmal wird angenommen, dass der velare Nasal [ŋ] kein Phonem ist, da er nur nach kurzen Vokalen und sonst nirgendwo vorkommt. Als Nichtphonem wäre er dann aus /ng/ abzuleiten. Dagegen spricht die Tatsache, dass er in Minimalpaaren wie sing [zɪŋ] und Sinn [zɪn] kontrastiert.

4. Die Affrikaten [pf ts tʃ dʒ] stellen ein besonderes Problem dar. Es ist nämlich mehrdeutig, ob sie aus einem Laut oder aus zwei Lauten bestehen. Falls sie aus zwei Lauten bestehen sollen, müsste man sie als Phonemfolgen behandeln. Wie sieht's aus mit dem möglichen Minimalpaar Topf [tɔpf] und topp [tɔp]? Da hier die Phonotaktik auf Silbenebene einiges zu sagen hat, verschieben wir weitere Diskussion auf Kapitel 7. Übrigens: [] und [ʒ] kommen nur in eingedeutschten Lehnwörtern wie Dschungel und Garage vor.

 

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Umstrittene Vokale mp3

1. Der Vokal [ɐ] wird nicht als ein Phonem angesehen, sondern als ein komplementär distribuiertes Allophon von /ʀ/. Schau folgende Daten an.

  Konsonant Vokalisiert
  Biere [bi:ʀə] Bier [bi:ɐ]
  lehre [le:ʀə] lehrt [le:ɐt], lehrst [le:ɐst]

Nach einem Vokal wird /ʀ/ am Wortende vokalisiert. Dies gilt auch, wenn es noch ein oder zwei Konsonantenlaute nach ihm gibt, wie bei lehrt. Das vokalisierte R wird in folgender Regel erfasst.

Das /ʀ/

Das /ʀ/ ist eins der variabelsten Phoneme des Deutschen. Neben seiner vokalisierten und seinen frei variierenden Allophonen gibt es bei enger phonetischer Transkription mindestens noch eine Variante.

Nach einem aspirierten (stimmlosen) Plosiv wird /ʀ/ entstimmt. Man könnte z.B. Tracht als [tʁaxt] oder enger als [tχaxt] transkribieren.

  /ʀ/ → [ɐ] / V __ (K)(K) #

Eigentlich ist diese Regel etwas vereinfacht, aber um die allophonische Natur von [ɐ] darzustellen, reicht sie völlig aus. (Überlege selbst, ob die Regel deiner Aussprache entspricht bei Wörtern wie Geschirr, hundert und Haar!)

2. Das Schwa [ə], der neutralste Laut, ist in manchen Fällen auch teilweise vorhersagbar. Beispielsweise könnte man bei den Wörtern Atem [ʔatəm] und Atmung [ʔatmʊŋ] annehmen, dass das Schwa im Stamm nicht zugrundeliegt und im ersten Wort erst durch Einfügung erschient. Allerdings ist es schwer, eine Regel dafür zu erstellen, die genau auf die richtigen Fällen zutrifft.

3. Die kurzen gespannten Vokale [i e y ø u o] stehen in komplementärer Verteilung zu ihren langen Varianten. Wenn ein gespannter Vokal betont ist, tritt er wie zugrundeliegend lang auf. Wenn er stattdessen unbetont ist, wird er nach folgender Regel gekürzt.

(3.3.1) /i: e: y: ø: u: o:/ → [i e y ø u o] / __ (wenn unbetont)

Das Wort Medizin [medi'tsi:n] hat also die zugrundeliegende Form /me:di:tsi:n/ und den Wortakzent auf der letzten Silbe. Was ist aber ein gespannter Vokal genau?

Im Deutschen kommen die Vorderzungen- und Hinterzungenvokale auf bestimmte Art paarweise vor. Die Paare sind [i: ɪ], [e: ɛ], [y: ʏ], [ø: œ], [u: ʊ] und [o: ɔ]. In jedem Paar wird der erste Vokal etwas geschlossener artikuliert als der zweite. Diese geschlossener artikulierten Vokale sind gespannt. Solche Vokale tauchen im Deutschen fast immer lang auf, sonst gilt die Vokalkürzung in 3.3.1. Eine phonetische Definition für Gespanntheit bekommen wir erst in Kapitel 5, aber dieser Begriff hilft uns auch schon mit folgendem Problem: Wie beschreibt man z.B. [ɪ] laut IPA? Er liegt zwischen den üblichen Werten für Zungenhöhe und -lage und lässt sich von daher nicht besonders unterschiedlich von [i] definieren. Guck jetzt im Vokalviereck, wie die obigen Paare von gespannten und ungespannten Vokalen aussehen. Ja, mit Gespanntheit können wir zwischen [i y u] und [ɪ ʏ ʊ] unterscheiden! [ɪ] ist also ein ungespannter ungerundeter geschlossener Vorderzungenvokale. (Übrigens: Die Zungenhöhen der zentralen Vokale [ɐ] und [ə] sind auch zwischenwertig, aber glücklicherweise haben beide Vokale konventionelle Namen, die uns inzwischen gut bekannt sein sollen!)

4. Bei den Diphthongen [ao aɪ ɔʏ] ist es wie bei den Affrikaten unklar, ob sie vielleicht monosegmental (aus einem Laut) wären.

 

Literatur:
Hall, T. A. 2000. Phonologie: Eine Einführung. Berlin: de Gruyter.