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Phonetische Grundlagen

 

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Artikulatorische Phonetik mp3

Bevor wir mit Phonologie richtig anfangen können, müssen wir einige Grundlagen der artikulatorischen Phonetik etablieren. Phonetik untersucht Sprachlaute als physikalische Einheiten statt einzelsprachspezifischer Phänomene. Artikulatorische Phonetik beschäftigt sich mit der Artikulation von Lauten durch einen menschlichen Sprecher.

Zur Phonetik gehören traditionell noch zwei Teildisziplinen. Die akustische Phonetik untersucht Sprachlaute als physikalische Schallwellen zwischen Sprecher und Hörer. Die perzeptive Phonetik interessiert sich für die Perzeption dieser Einheiten vom Hörer.

Wir fangen also zuerst mit einem Überblick über die verschiedenen Organe an, die beim Sprechen benutzt werden. Die folgenden Kapitelabschnitte beschreiben die traditionelle Artikulationstheorie für Konsonanten und Vokale. Der letzte Abschnitt zu diesem Kapitel stellt die phonetische Transkription vor.

 

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Sprechorgane mp3

Die meisten Sprachlaute werden erzeugt, wenn Luft aus den Lungen durch das Ansatzrohr strömt. Verschiedene Laute werden erzeugt, wenn wir unsere Sprechorgane, etwa die Lippen oder die Zunge, gebrauchen. Überlege mal, wie du diese Organe anders gebrauchst, wenn du die Wörter Tisch und Fisch aussprichst.

Folgende Abbildung stellt die Sprechorgane dar.


Quelle (adaptiert): http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Places_of_articulation.svg

Aus den Lungen ausgeatmete Luft trifft zuerst die Stimmbänder und strömt durch die Glottis, die Öffnung zwischen den Stimmbändern. Dann strömt sie entlang der Rachenwand und in den Mundraum ein, bevor sie den Sprecher verlässt. Falls der weiche Gaumen gesenkt ist, strömt die Luft in den Nasenraum statt des Mundraums ein. Die meisten Sprechorgane befinden sich im Mundraum.

Bewegliche Sprechorgane heißen Artikulatoren. Diese werden nämlich während des Sprechens aktiv artikuliert und befinden sich an der unteren Fläche des Ansatzrohrs. Artikulatoren sind die Unterlippe und die verschiedenen Teile der Zunge.

Unbewegliche, passive Sprechorgane heißen Artikulationsstellen und sind meistens an der oberen Fläche des Ansatzrohrs zu finden. Dazu zählen die Oberlippe, die oberen Schneidezähne, der Zahndamm, der harte Gaumen, der weiche Gaumen, das Zäpfchen, die Rachenwand und die Stimmbänder.

 

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Konsonanten mp3

Sprachlaute werden gewöhnlich in Konsonanten und Vokale unterteilt.

Bei Konsonanten wird der Luftstrom an einer artikulatorischen Engstelle im Ansatzrohr behindert. Konsonanten beschreibt man nach drei artikulatorischen Eigenschaften: Stimmhaftigkeit, Artikulationsort und Artikulationsart.

Die Stimmhaftigkeit eines Lautes gibt an, ob die Stimmbänder während seiner Artikulation vibrieren oder nicht. Falls die Stimmbänder offen und locker sind, vibrieren sie nicht, wenn Luft durch sie strömt, und der Laut ist stimmlos. Falls die Stimmbänder gespannt sind, vibriert die Glottisöffnung durch den Luftdruck, und der Laut ist stimmhaft. Stimmlose Laute sind solche wie in Pass oder reißen. Stimmhaft dagegen sind Laute wie in Bass oder reisen. (Die Vibration kannst du spüren mit deiner Hand am Kehlkopf.) Eine verwandte Eigenschaft ist die Aspiration bestimmter stimmloser Konsonanten, wobei ein Hauch von Luft am Ende des Lautes entweicht. (Diese zusätzliche Luft kannst du mit deiner Hand vorm Mund spüren, wenn du Tag kräftig aussprichst.)

Der Artikulationsort eines Konsonanten beschreibt, wo seine artikulatorische Engstelle zu finden ist, also wo sich ein Artikulator einer Artikulationsstelle nähert. Folgende Tabelle fasst die verschiedenen Artikulationsorte zusammen. (Wenn du dir unsicher bist, wo die Engstelle eines Konsonanten ist, versuche ihn auszusprechen, wenn du Luft einsaugst: Die kalte Luft spürst du an der Engstelle.)

Artikulationsort Artikulator Artikulationsstelle Beispiel
Bilabial Unterlippe Oberlippe Mut
Labiodental Unterlippe obere Schneidezähne viel
Dental Zungenblatt obere Schneidezähne thing (Englisch)
Alveolar Zungenspitze Zahndamm Tag
Postalveolar Zungenblatt harter Gaumen Schuh
Retroflex Zungenspitze harter Gaumen red (Englisch)
Palatal Zungenrücken harter Gaumen ich
Velar Zungenrücken weicher Gaumen Gang
Uvular Zungenrücken Zäpfchen Buch
Pharyngal Zungenwurzel Rachenwand  
Glottal Stimmbänder Stimmbänder Haus

Die Artikulationsart eines Konsonanten gibt an, was für eine Engstelle gebildet wird bzw. wie die Luft an ihr vorbei strömt. Folgende Tabelle erläutert die unterschiedlichen Artikulationsarten.

Artikulationsart Beschreibung Beispiel
Plosiv Ein totaler oraler Verschluss, eine dichte Verengung im Mundraum, wird plötzlich gelöst. Tag
Frikativ Der Luftstrom wird so verengt, dass Reibegeräusche entstehen. viel
Nasal Ein gesenktes Velum und totaler oraler Verschluss führen dazu, dass der Luftstrom durch die Nase strömt. Mut
Approximant (zentral) Die Verengung ist so weit offen, dass keine Reibegeräusche entstehen. Die Luft entweicht zentral statt an den Zungenseiten. ja
Approximant (lateral) Die Verengung ist so weit offen, dass keine Reibegeräusche entstehen. Die Luft entweicht an den Zungenseiten statt zentral. Lücke
Vibrant Eine schnelle Folge oraler Verschlüsse wird gelöst. Rot (Bayerisch)
Geschlagen Ein kurzer totaler oraler Verschluss wird einmal gelöst. butter (Englisch)
Lateralfrikativ Eine Reibegeräusche erzeugende Enge wird zentral gebildet. Die Luft entweicht an den Zungenseiten.  

Einige Konsonantentypen sind komplizierter zu beschreiben.

  • Eine Affrikate ist eine Abfolge von Plosiv und Frikativ, die homorgan (am selben Artikulationsort) und morphologisch untrennbar sind. Das Wort Kreuz hat z.B. eine Affrikate. Keks hat aber keine, da die letzten Laute nicht homorgan sind. Ebenso hat Schmidts keine Affrikate, weil die Possessivendung morphologisch trennbar ist.
  • Ein Konsonant kann über Doppelartikulation (zwei Engstellen) oder sekundäre Artikulation (eine zweite, weniger bedeutende Engstelle) verfügen. Der zentrale Approximant im englischen Wort water wird z.B. sowohl labial als auch velar artikuliert.
  • Eine Geminate ist eine morphologisch untrennbare Abfolge von zwei gleichen Konsonanten. Im Deutschen gibt es keine echten Geminaten, aber Ähnliches wäre z.B. in unnatürlich zu finden.
  • Die bisherigen Konsonanten sind alle pulmonal, was bedeudet, dass der nötige Luftstrom durch Lungenaktivität erzeugt wird. Außerdem sind sie alle egressiv, d.h., die Luft strömt dabei körperauswärts. Es gibt aber auch nichtpulmonale Konsonanten. Bei glottalen nichtpulmonalen Lauten erzeugt eine Bewegung des Kehlkopfs den Luftstrom, der egressiv oder sogar ingressiv (körpereinwärts) strömen kann. Bei einem velaren nichtpulmonalen Luftstrommechanismus werden Schnalzlaute erzeugt. Nichtpulmonale Sprachlaute kommen beispielsweise in manchen amerikanischen und afrikanischen Sprachen vor.

 

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Vokale mp3

Bei Vokalen strömt die Luft prinzipiell unbehindert an den Sprechorganen vorbei. Vokale werden nach drei artikulatorischen Eigenschaften beschrieben: Lippenrundung, Zungenhöhe und Zungenlage.

Die Lippenrundung gibt an, ob die Lippen gerundet oder ungerundet sind. Gerundet sind z.B. die Vokale in Düse und Blöcke. Im Gegensatz dazu sind die Vokale in diese und Bleche ungerundet. (Guck im Spiegel nach, wie die Lippenrundung aussieht.)

Die Zungenhöhe eines Vokals beschreibt den Öffnungsgrad des Kieferwinkels. Folgende Tabelle zeigt die typischen Werte.

Zungenhöhe Beschreibung Beispiel
Geschlossen Der Kiefer ist leicht offen. Kiez
Halbgeschlossen Der Kiefer ist zwischen geschlossen und halboffen. Meer
Halboffen Der Kiefer ist zwischen halbgeschlossen und offen. Rock
Offen Der Kiefer ist weit offen. All

Die Zungenlage beschreibt die horizontale Position des höchsten Zungenteils bei der Artikulation eines Vokals. Obwohl der Luftstrom bei Vokalen prinzipiell unbehindert strömt, wird der Lautklang immer noch von der artikulierten Zungenform beeinflusst. Folgende Tabelle zeigt die möglichen Werte.

Zungenlage Beschreibung Beispiel
Vorder Der höchste Zungenteil ist vorn. Meer
Zentral Der höchste Zungenteil ist zentral. All
Hinter Der höchste Zungenteil ist hinten. Rock

Dazu kommen noch einige wichtige Vokaltypen.

  • Die bisherigen Vokale sind alle Monophthonge, d.h., sie bestehen jeweils aus einer einzigen Artikulation. Im Gegensatz dazu sind Diphthonge Abfolgen von zwei einfachen Vokalen, die zusammen nicht länger als ein langer Monophthong dauern und zur selben Silbe gehören. Mein hat z.B. einen Diphthong, Chaos aber keinen.
  • Die bisherigen Vokale sind alle oral. Es gibt auch Nasalvokale, wobei Luft wegen eines gesenkten Velums sowohl aus dem Mund als auch aus der Nase entweichen kann. Nasalvokale findet man z.B. in französischen Lehnwörtern wie Restaurant.

 

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Suprasegmentalia mp3

Zusätzlich zu den obigen artikulatorischen Eigenschaften gibt es auch suprasegmentale Eigenschaften, die von Lauten gewissermaßen unabhängig sind. Man hat z.B. verschiedene Möglichkeiten, bestimmte Silben durch Lautstärke, Länge oder Tonhöhe unterschiedlich zu realisieren. Dies kann zu unterschiedlichen Bedeutungen der betroffenen Wörter führen, aber es kann auch der Hervorhebung oder dem Rhythmus dienen.

Im Deutschen betont der Wortakzent eine Silbe durch die Lautstärke, wie in umfahren versus umfahren. Die Länge eines Vokals kann auch wichtig sein, wie in Stadt versus Staat. Die Tonhöhe kann auf Satzebene verschiedene Satztypen bewirken (wie in "Du gehst." versus "Du gehst?" versus "Du gehst!"). In so genannten Tonsprachen wie dem Chinesischen kann sie auch auf Wortebene zu Bedeutungsunterschieden führen.

 

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Transkription mp3

Ganz am Anfang haben wir gesehen, dass jeder der drei Laute des Wortes Tag durch einen Buchstaben orthographisch vertreten wird. Der Zusammenhang zwischen Rechtschreibung und Aussprache ist normalerweise aber nicht so einfach. Schuh hat z.B. trotz fünf Buchstaben nur zwei Laute. Und was ist mit Wasser und Vase, wobei derselbe Laut durch zwei verschiedene orthographische Möglichkeiten dargestellt wird? Oder Vogel und Vase, wobei derselbe Buchstabe zwei unterschiedliche Laute wiedergibt?

Internationale Transkription

Übrigens ist IPA ein quasi-universelles System.

Mit seinen Zeichen kann es die meisten Sprachlaute der Welt mindestens grob darstellen, allerdings gibt es immer sprachspezifische Besonderheiten, die nicht mit IPA erfasst werden können.

Vergleiche z.B. deutsch Schuh [ʃu:] mit englisch shoe [ʃu:]. Obwohl sie dieselbe Transkription haben, klingen sie nicht ganz identisch!

Um die Aussprache unabhängig von solchen orthographischen Problemen beschreiben zu können, verwenden wir die phonetische Transkription. Dies hat den Vorteil, dass im Idealfall eine 1:1-Entsprechung zwischen Lauten und Zeichen gegeben ist. Das geläufigste Transkriptionssystem ist das Internationale Phonetische Alphabet (IPA).

Phonetisch transkribierte Laute werden zwischen Eckklammern geschrieben, wie [vasɐ] für Wasser laut IPA. Kannst du raten, für welche Wörter [fo:gəl] und [va:zɐ] stehen? Auf keinen Fall sind solche phonetische Zeichen mit normalen Buchstaben zu verwechseln. Trotz gewisser Ähnlichkeit im Aussehen repräsentieren sie zwar verwandte aber doch verschiedene Sachen.

IPA beschreibt und klassifiziert Laute nach ihren artikulatorischen Eigenschaften wie in den obigen Kapitelabschnitten. [p] steht also für einen stimmlosen bilabialen Plosiv (wie in Pasta), [ɔ] für einen gerundeten halboffenen Hinterzungenvokal (wie in Bock).

Dazu kommen sonstige Zeichen für Suprasegmentalia und Diakritika, die meistens für engere Transkription nützlich sind. Den Doppelpunkt haben wir schon als Längezeichen verwendet, wie in Staat [ʃta:t]. Ein hoch- und vorgestellter Vertikalstrich wie in Salat [za'la:t] steht ggf. für den Wortakzent. Einige andere Sonderzeichen werden wir später verwenden.

Hier also die IPA-Konsonantentabelle mit deutschen und englischen Lauten.

  Bilabial Labiodental Dental Alveolar Postalveolar Retroflex Palatal Velar Uvular Pharyngal Glottal
Plosiv p b         t d             k g         ʔ  
Nasal   m           n               ŋ            
Vibrant               r                   ʀ        
Geschlagen               ɾ                            
Frikativ     f v θ ð s z ʃ ʒ     ç   x     ʁ     h  
Lateralfrikativ                                            
Approximant               ɹ       ɻ   j                
Lateraler Approximant               l                            

Die Artikulationsart wird zeilenweise dargestellt, der Artikulationsort spaltenweise. Bei Zeichen, die als Paar eingetragen sind, ist der linke Laut stimmlos und der rechte stimmhaft. Für das Englische ist [w] (ein stimmhafter labiovelarer Approximant, wie in water) auch einzuschließen.

Und hier das entsprechende IPA-Vokalviereck mit deutschen und englischen Lauten.

  Vorder - Zentral - Hinter
Geschlossen i y               u
-     ɪ ʏ       ʊ    
Halbgeschlossen e ø               o
-         ə        
Halboffen ɛ œ             ʌ ɔ
- æ       ɐ        
Offen a               ɑ  

Die Zungenhöhe wird zeilenweise dargestellt, die Zungenlage spaltenweise. Bei Zeichen, die als Paar eingetragen sind, ist der linke Laut ungerundet und der rechte gerundet.

Wenn es sprachspezifische Besonderheiten gibt, sollte man die transkribierte Sprache angeben. Im Deutschen steht z.B. [a] für einen Zentralzungenvokal, obwohl es laut IPA gewöhnlich einen Vorderzungenvokal darstellt. Natürlich gibt es IPA-Zeichen auch für Laute anderer Sprachen, die nicht im Deutschen oder im Englischen vorkommen, aber die werden wir erstmal weglassen. Übrigens sind nicht alle Zellen der obigen Tabellen mit IPA-Zeichen belegt. Einige davon sind untypisch, andere artikulatorisch unmöglich.

Mehr Beispiele für die verschiedenen Laute gibt es im nächsten Kapitel: Phonologische Grundbegriffe!

 

Literatur:
Hall, T. A. 2000. Phonologie: Eine Einführung. Berlin: de Gruyter.