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Natürliche Morphologie

 

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Natürlichkeit mp3

Innerhalb der natürlichen Morphologie werden Muster morphologischen Verhaltens von Sprachen untersucht. Es sollen Erklärungen gefunden werden, warum bestimmte morphologische Prozesse eher angewendet werden als andere. Die unterschiedliche Bewertung grammatischer Ausprägungen ist in der natürlichen Morphologie von Bedeutung. Dabei spielen auch Universalien eine Rolle, und zwar die substantiellen, die die Auswahl möglicher morphologischer Muster und Kategorien betreffen. Die Morphologie von Einzelsprachen spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Die Variationsbreite innerhalb der Morphologie steht im Vordergrund.

Begriff natürlich

Der Begriff wurde gewählt, um sich von künstlich konstruierten Sprachsystemen abzusetzen, denn es gilt: The uniqueness of natural language among all other semiotic systems is manifested in its fundamentals (Jakobson[1971]).

Gemeint ist: der Natur der Sprache gemäß, d.h. aus ihren inneren Eigenschaften folgend

Mit dem Begriff der Natürlichkeit ist das Gegenteil von Markiertheit gemeint. Wenn etwas markiert ist, dann ist es weniger bevorzugt. Etwas ist unmarkiert, wenn es in einer Sprache stark verbreitet auftritt. Ein häufig und gewöhnlich auftretendes sprachliches Element ist unmarkiert im Gegensatz zu seinem weniger gewöhnlichen Gegenstück. Der Zusammenhang besteht nun darin, dass je natürlicher ein morphologisches Phänomen ist, desto weniger ist es markiert und je unnatürlicher es ist, desto mehr ist es markiert. Die Begriffe markiert und unmarkiert sind nicht zu verwechseln mit merkmalhaft und merkmallos. Der Plural in cats ist z.B. merkmalhaft, da er durch das –s, also ein Merkmal für Plural vertreten ist, während fish als Pluralform merkmallos ist, dennoch gilt ersteres als der universell bevorzugte, weniger markierte Fall.

Ein morphologisches Phänomen kann als natürlich bezeichnet werden, wenn es:

  • Weitverbreitet in den Sprachen vorkommt
  • Wenn es relativ resistent gegenüber Sprachwandelprozessen ist
  • Wenn es auch innerhalb eines Sprachwandels häufig als Ergebnis auftaucht
  • Wenn es früh von Kindern erworben wird, die Sprachen lernen, in denen diese Phänomene vorkommen
  • Wenn es von Sprachstörungen, Sprachfehlern oder Sprechfehlern relativ unbetroffen bleibt
  • Wenn es eine weite Verbreitung und hohe Frequenz in Einzelsprachen hat

 

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Prinzip der Ikonizität mp3

Das Prinzip der Ikonizität bzw. des konstruktionellen Ikonismus ist sehr wichtig innerhalb der natürlichen Morphologie. Ein Ikon ist ein linguistisches Zeichen, das die Ähnlichkeit zwischen seiner Struktur und dem Objekt repräsentiert. Das Prinzip der Ikonizität betrifft die Ähnlichkeit des Umfangs eines Ausdrucks relativ zu seiner Bedeutung: Mehr Bedeutung bewirkt mehr Form. Die Bedeutung hat also eine Wirkung auf die Form bzw. die Länge des Ausdrucks. Je mehr Bedeutung vorhanden ist bzw. je ungewöhnlicher sie ist, desto länger wird der Ausdruck. Anders herum kann man sagen, je komplexer die Form ist, desto komplexer ist deren Inhalt. Dieses Prinzip entspricht der morphologischen Natürlichkeit bzw. der Markiertheit eines Ausdrucks. Demnach folgt die Pluralmarkierung in cars dem Prinzip der Ikonizität und ist daher unmarkiert, also bevorzugt. Die Pluralform mice von mouse ist weniger ikonisch und somit markierter, weil kein Affix die Form vergrößert. Der merkmallose Plural sheep ist nicht ikonisch, weil überhaupt keine Pluralmarkierung ersichtlich ist. Es lässt sich also feststellen: je ikonischer, desto natürlicher. Wenn eine Sprache also nur eine Methode verwendet, also z.B. nur eine Pluralmarkierung, dann wird es diejenige sein, die am meisten ikonisch ist, und diese wird dann in allen Sprachen am häufigsten und gebräuchlichsten sein.

 

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Natürlichkeitskonflikte mp3

Nun kann es sein, dass es Phänomene gibt, die z.B. in der Phonologie natürlich, in der Morphologie aber unnatürlich sind. Es ist z.B. im Sinne der phonologischen Natürlichkeit, wenn ein unbetonter Vokal im Wortauslaut getilgt wird. Das kann aber dazu führen, dass so ganze Suffixe getilgt werden. Das könnte dazu führen, dass ein Ausdruck, der vorher dem Prinzip der Ikonizität gefolgt ist, nicht länger ikonisch ist, was innerhalb der Morphologie unnatürlich wäre. Das passiert häufig. So auch z.B. beim Feminin Plural Genitiv im Russischen, wo keine offene Markierung mehr vorhanden ist, da das unbetonte [u] getilgt wurde. Phonologische Natürlichkeit ist auf die optimale Artikulation ausgerichtet, während die morphologische Natürlichkeit auf die optimale Symbolisierung grammatischer Kategorien ausgerichtet ist und jeder dieser beiden Typen der Natürlichkeit kann sich meist nur auf Kosten des anderen durchsetzen.

Ein Konflikt morphologischer Art betrifft die Natürlichkeit der Transparenz vs. die Unnatürlichkeit von extrem langen Wörtern. Transparenz im Sinne von Motiviertheit haben wir bei den Komposita schon kennengelernt. Transparenz bedeutet, dass es eine Übereinstimmung zwischen Bedeutung und Form gibt. Konstruktionen, bei denen diese Beziehung nicht offensichtlich ist, sind opak. Suppletionen, also Veränderungen im Stamm sind opak und von daher am unnatürlichsten. Dieser natürlichen Transparenz steht die Natürlichkeit der Wortlänge gegenüber, die besagt, dass Wörter nicht zu lang sein sollten. Die optimale Länge eines Affixes ist eine Silbe und ein lexikalischer Stamm sollte nicht länger als ein oder zwei Silben sein, wobei aber unklar bleibt, warum das so sein sollte. Eine genauere Erforschung der optimalen Wortlänge steht noch aus. Aber für unsere Argumentation soll diese Einschätzung ausreichen. In agglutinierenden Sprachen mit einer 1:1-Beziehung zwischen Form und Bedeutung, was Uniformität genannt wird, ist eine hohe Transparenz gegeben. Durch Anhängen von Affixen werden die Wortformen aber oft lang. Fusionierende Sprachen bilden eher kurze Wortformen, allerdings auf Kosten der Transparenz. Innerhalb dieser beiden Sprachtypen kollidiert also die Forderung nach Transparenz mit der nach kurzen Wortformen. Der Unterschied zwischen diesen beiden Sprachtypen kann also teilweise dadurch begründet werden, wie unterschiedlich die Parameter der Natürlichkeit in den Sprachen gewirkt haben. Die Prinzipien der Ikonizität, Uniformität und Transparenz sind also in den Sprachen bevorzugt, können aber nicht immer im gleichen Maße realisiert werden.

Nun wollen wir uns systemabhängige Natürlichkeit näher betrachten, die nur in morphologischen Mustern einer einzigen Sprache auftritt. Als Beispiele sollen Pluralformen deutscher Nomen dienen. Vorher müssen wir allerdings zwischen Stammflexion und Grundformflexion unterscheiden. Bei der Stammflexion werden Flexive an den Stamm gehängt und bei der Grundformflexion an die Grundform. Die Grundform ist die Form aus dem Paradigma eines Wortes, die benutzt wird, um es zu benennen. Das ist in einem Deklinationsparadigma der Nominativ Singular, bei Verben der Infinitiv Präsens. Die Grundformflexion liegt bei der Deklination des Deutschen zugrunde, wie folgende Pluralformen zeigen:

Singular Plural
der Tag die Tag-e
die Uhr die Uhr-en
das Kind die Kind-er

Es gibt allerdings einige Nomen, die nach der Stammflexion operieren:

Singular Plural
der Radi-us die Radi-en
die Firm-a die Firm-en
das Stadi-on die Stadi-en

Sie sind allerdings eher selten und werden von der Grundformflexion immer mehr abgelöst, so dass folgende Formen resultieren:

Singular alter Plural neuer Plural
der Globus die Glob-en die Globus-se
die Tuba die Tub-en die Tuba-s
das Konto die Kont-en die Konto-s

Im Neuhochdeutschen ist also die Grundformflexion typisch, was für das Althochdeutsche oder andere fusionierende Sprachen wie Russisch oder Latein nicht der Fall ist.

Systemabhängige Natürlichkeit lässt sich auch an einem anderen Beispiel deutscher Pluralformen zeigen. Wie wir bereits bemerkt haben, gibt es mehrere Grade der Ikonizität. Das Anfügen eines Affixes bei Pluralformen folgt diesem Prinzip. Aber es gibt auch einige Pluralformen im Deutschen, die, obwohl sie vorher ikonisch durch Affigierung gebildet wurden, den Umlaut verwenden:

Singular alter Plural neuer Plural
der Mops die Mopse die Möpse
der Strand die Strande die Strände
der Zwang die Zwange die Zwänge

Das Gegenteil ist bei Nomen im Neutrum der Fall:

Singular alter Plural neuer Plural
das Boot die Böte die Boote
das Rohr die Röhre die Rohre

Sehr viele maskuline Nomen gehen mit dem Umlaut im Plural einher, die meisten Nomen im Neutrum aber nicht. Es gibt also eine gewisse Flexionsklassenstabilität, die diesen Wechsel der Pluralformen hervorruft. Das heißt, dass bei einem Wandel die Flexionsklasse siegt, die normaler und stabiler ist. Auch falsche Pluralformen wie *die Hünde statt die Hunde vom Singular der Hund werden demnach eher akzeptiert als Pluralformen ohne Umlaut wie *die Flusse statt die Flüsse von Singular der Fluss. Diese Flexionsklassenstabilität ist also sprachspezifisch und nicht universal, so dass man sagen kann, dass, wenn immer Universalien und sprachspezifische Natürlichkeit kollidieren, letztere den Vorrang hat.

 

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Schlussfolgerungen der natürlichen Morphologie mp3

Es gibt viele Schlussfolgerungen, die man bisher aus der Erforschung der Natürlichkeit ziehen konnte. Hier sollen nur einige genant werden.

Mit Hilfe der natürlichen Morphologie könnten morphologische Universalien erklärt werden. Dabei darf man allerdings nicht bei dem Standpunkt enden, dass alles, was natürlich ist, universell ist und alles was universell, natürlich ist. Aus diesem Grund muss man Natürlichkeit außerhalb des Sprachsystems beweisen. Auch wenn Tendenzen, die die Natürlichkeit unterstützen wie Universalien wirken, muss man zwischen ihnen unterscheiden. Eine dieser Tendenzen ist beispielsweise, dass Kategorien der 1. Spalte nicht markiert werden, was natürlich ist, während es unnatürlich wäre, die der zweiten Spalte zu markieren.

Singular Nicht-Singular
Aktiv Nicht-Aktiv
Indikativ Nicht-Indikativ
Nominativ Nicht-Nominativ
3. Person Singular Andere Person

Diese Tendenzen der morphologischen Markierung ähneln aber stark den Universalien. Man könnte sie im Sinne einer Universalie folgendermaßen wiedergeben: Die Markierung der Kategorien in Spalte eins impliziert die Markierung der Kategorien in Spalte zwei. Das heißt, wenn die Kategorie der 1. Spalte markiert wird, dann auch die der zweiten. Der Unterschied zur Tendenz aufgrund der Natürlichkeit ist aber, dass sie anhand des Prinzips der Ikonizität erklärt werden kann. Außerdem wäre eine Universalie, die man aus diesem Beispiel erstellen könnte, keine absolute, da das Englische z.B. die 3. Person Singular im Präsens mit einem –s markiert. Aber es ist auch nicht im Sinne der natürlichen Morphologie, absolute Universalien herauszufinden.

Andere Folgen der Natürlichkeit sind beispielsweise, dass diskontinuierliche Morphe unnatürlicher sind als kontinuierliche. Infixe, Transfixe und Zirkumfixe sollten demnach unüblicher sein. Zirkumfixe können z.B. auch als Prä- und Suffix analysiert werden. Infixe sind sehr selten in allen Sprachen. Transfixe sind äußert unnatürlich, nicht nur weil sie selbst diskontinuierlich sind, sondern auch die Stämme, an die sie herantreten. Manche Linguisten sagen sogar, dass es gar keine Transfixe gibt. Die Transfixe, die in den semitischen Sprachen wie dem Arabischen gefunden wurden, seien falsch analysiert worden.

 

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Natürlichkeit und Sprachwandel mp3

Die morphologische Natürlichkeit beeinflusst den Sprachwandel dahingehend, dass es zum Wechsel von mehr markierten und weniger natürlichen zu mehr natürlichen und weniger markierten Elementen gibt. Betrachten wir dies am Beispiel von Steigerungsformen. Bei den Steigerungsformen gut, besser, am besten würde sich z.B. aufgrund des Prinzips der Ikonizität der Positiv gut durchsetzen. Bei einem durch Sprachwandel bedingten möglichen Ausgleich würde die Suppletion aufgegeben werden. Analogie, ein Angleichungsprozess der Regelmäßigkeit herstellt, hätte also den Stammwechsel beseitigt, so dass es zum Paradigma gut, guter, am gutesten statt *bess, besser am besten kommen würde. Eine solche Entwicklung fand bereits im Übergang vom Mittel- zum Neuhochdeutschen statt. Aus dem mittelhochdt. Paradigma übel, wirser, wirsest wurde übel, übler, am übelsten. Auch die Ablautreihe im Schwedischen hat sich dahingehend geändert: aus god, bättre, bäst wurde god, godare, godast. Analogie beseitigt also Verstöße gegen das Prinzip der Ikonizität und beseitigt Suppletionsformen, auch wenn viele von ihnen sich dennoch als resistent erweisen. Besonders gilt dies für hochfrequente Formen, die im Erwerb immer wieder auftreten und so der Regularisierung widerstehen.

 

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Markiertheitsumkehrung mp3

Es gibt allerdings auch die Möglichkeit, dass sich der markierte Fall durchsetzt. Bei der Markiertheitsumkehrung werden die Markiertheitswerte in markierten Kontexten umgekehrt. Das ist z.B. bei Nomen der Fall, die eher im Plural vorkommen. Im Lateinischen gab es einen Ausgleich zwischen Sg las (Hausgott) und dem dazugehörigen Plural lares zu lar (Sg) – lares (Pl). Solche Nomen, die häufiger im Plural auftreten, bilden einen markierten Kontext, so dass eine Markiertheitsumkehr eintritt. Die Singularform ist dann markiert und die Pluralform unmarkiert, so dass sie sich bei einem Wandel durchsetzt.

 

Literatur:
Bauer, L. 2003. Introducing Linguistic Morphology. Edinburgh: Edinburgh University Press.
Wurzel, W. 1984. Flexionsmorphologie und Natürlichkeit. Berlin: Akademie-Verlag.