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Morphologische Typologie (Flash-Version)

 

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Sprachtypologie mp3

In der Sprachtypologie werden verschiedene Sprachen anhand bestimmter Eigenschaften miteinander verglichen und klassifiziert. Diese können phonologischer (Ton), syntaktischer (Wortstellung) oder morphologischer Art sein. Sprachen können also anhand ihrer morphologischen Besonderheiten und Gemeinsamkeiten klassifiziert werden. Man untersucht, mit welchen morphologischen Mitteln die Sprachen operieren bzw. welche morphologische Struktur den Wörtern zugrunde liegt, und unterscheidet sie dahingehend. Während man früher zwischen analytischen und synthetischen Sprachen unterschied, gelten in der klassischen morphologischen Typologie vier Haupttypen, die in diesem Kapitel vorgestellt werden.

 

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Isolierender Typ mp3

Isolierende Sprachen sind Sprachen, die keine gebundenen Morphe verwenden, so dass die Wörter unveränderbar sind, also nur eine einzige Form haben. Flexive werden nicht verwendet. Isolierende Sprachen weisen also im Prinzip keine Morphologie auf. Die typischen Beispiele solchen Typs sind das Chinesische und Vietnamesische. Ein Satz aus dem Vietnamesischen soll dies verdeutlichen:

Khi · tôi · đên · nhà · ban · tôi, · chúng · tôi · băt dâu · làm · bài.

when · I · come · house · friend · I · PLURAL · I · begin · do · lesson

When I came to my friend's house, we began to do lessons.

Die Morphe sind durch einen Punkt · voneinander abgetrennt, damit die Zuordnung zur darunter stehenden Bedeutung nachvollzogen werden kann. Der Plural ist z.B. durch ein separates Morphem ausgedrückt. Jedes Wort besteht also nur aus einem Morph. Auch băt dâu für begin könnte aufgrund der semantischen Einheit als ein einziges Wort interpretiert werden. Die grammatische Kategorie Tempus gibt es in dieser Sprache nicht. Der Kontext oder Zeitadverbien entscheiden über die Zeitform.

 

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Agglutinierender Typ mp3

Agglutinierende Sprachen verwenden gebundene Morphe. Sie treten an den Stamm in transparenter Weise heran und realisieren ein einziges Morphem. Im Idealfall gibt es auch nur diese eine Form des Morphems, so dass Allomorphie ausgeschlossen ist. Türkisch, Swahili, Japanisch oder Finnisch sind Beispiele für analytische Sprachen. Im folgenden Deklinationsparadigma des türkischen Wortes adam (Mann) kann man die transparente Reihung gebundener Morpheme nachvollziehen, wobei das Morph -lar- den Plural markiert:

  Singular Plural
Nominativ adam adam-lar
Akkusativ adam-i adam-lar-i
Genitiv adam-in adam-lar-in
Dativ adam-a adam-lar-a
Lokativ adam-da adam-lar-da
Ablativ adam-dan adam-lar-dan

Für die Pluralmarkierung gibt es im Türkischen aber auch andere Morphe. Sie werden durch phonologische Regeln, hier durch Vokalharmonie (im Beispiel müssen Stamm und Affix dahingehend übereinstimmen, dass sie vordere nichttiefe Vokale enthalten) vorgegeben, so dass das Pluralsuffix für das Wort ev (Haus) –ler ist.

Auch indonesische Sprachen gehören dem agglutinierendem Typ an. Sie verwenden allerdings zumeist Präfixe, vereinzelt auch Kon- oder Zirkumfixe

 

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Fusionierender Typ mp3

Flektierende bzw. fusionierende Sprachen benutzen ebenfalls gebundene Morphe, die aber mehreren Morphemen angehören können. Ihre Aneinanderreihung ist manchmal schwer durchschaubar. Morphe, die verschiedene Kategorien ausdrücken, können zu einem einzigen verschmelzen. Außerdem kann es zu einer Veränderung des Stammes kommen. Griechisch, Latein und viele andere indogermanische Sprachen sind Beispiele des flektierenden Typs. Die Paradigmen für die russischen Wörter stol (table) und lipa (lime-tree) verdeutlichen diese undurchschaubare Affigierung:

  Singular Plural Singular Plural
Nominativ stol stol-y lip-a lip-y
Akkusativ stol stol-y lip-u lip-y
Genitiv stol-a stol-ov lip-y lip
Dativ stol-u stol-am lip-e lip-am
Instrumental stol-om stol-ami lip-oj lip-ami
Präpositiv stol-e stol-ax lip-e lip-ax

In der Wortform stol-ov kann also ein eigenes Affix für Numerus und Kasus nachgewiesen werden. Das Affix –ov ist aber kein Portmanteau-Morph, das die Kategorie Numerus und Kasus in einem repräsentiert. Das Auftreten dieses Affixes ist aber auch nicht generalisierbar, wie man bei der Wortform lip sehen kann, die ein Nullmorphem enthält.

 

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Polysynthetischer Typ mp3

Inkorporierende bzw. polysynthetische Sprachen verwenden eine Vielzahl gebundener Morphe, die semantisch sehr wichtig sind. In inkorporierenden Sprachen werden lexikalische Morpheme mit Verbstämmen zu einem komplexeren Verb verbunden. Dieser Prozess wird Inkorporation genannt. Im Deutschen wurde das Verb staubsaugen so gebildet. Inkorporation ist ein Spezialfall der Polysynthese. Polysynthetisch bedeutet, dass eine Vielzahl lexikalischer und grammatischer Morpheme zu einer einzigen Wortform kombiniert werden, die wir nur mit einem ganzen Satz wiedergeben könnten. Im Yupik, einer Sprache der Inuit, kann das Wort

angya-ghlla-ng-yug-tuq

boat-AUGMENTATIV-acquire-DESIDERATIV-3.PERSON SINGULAR

nur mit dem Satz

He wants to acquire a big boat.

wiedergegeben werden.

Ein weiteres Beispiel aus dem Westgrönländischen soll die Komplexität der Wortform noch einmal verdeutlichen:

tusaa-nngit-su-usaar-tuaannar-sinnaa-nngi-vip-putit

hear-NEGATIV-INTRANSITIV-PARTIZIP-pretend-all the time-can-NEGATIV-really-2. PERSON SINGULAR INDIKATIV

Die Wortform bedeutet:

You simply cannot pretend not to be hearing all the time.

 

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Aussagekraft der morphologischen Typologie mp3

Bei der Klassifikation von Sprachen in diese Typen muss man allerdings vorsichtig sein. Eine eindeutige Zuordnung einer Sprache zu einem bestimmten Typus kann nicht immer erreicht werden. Sie kann Eigenschaften mehrerer Sprachtypen gleichzeitig aufweisen. Das Englische z.B. enthält isolierende, agglutinierende und flektierende Züge. Betrachten wir den Satz:

Happiness can be found in the most unusual places.

Viele Wörter wie can, be, in, und the verweisen auf den isolierenden, Wörter wie happiness oder unusual auf den agglutinierenden und found auf den flektierenden Typ. Das Englische ist somit eine Sprache, die agglutinierende und isolierende Züge aufweist. Man kann also nicht jede Sprache nur einem einzigen morphologischen Typ zuordnen.

Außerdem kann sich eine Sprache aufgrund Sprachwandelprozesse einem anderen Sprachtypus annähern. Einige indogermanische Sprachen tilgen beispielsweise flektierende Elemente. Im Englischen und Französischen wird der Kasus nun durch die Wortstellung im Satz oder durch Präpositionen ausgedrückt. Die Gründe solcher Sprachwandelprozesse sind äußerst vielseitig. Sprachkontakt oder Abbau unbetonter Flexionsendungen sind nur einige davon. Andere Elemente wie Präpositionen oder Pronomen können dann die Funktion von Flexiven für den Kasus oder Person übernehmen.

Der Zweck einer Klassifikation von Sprachen ist öfter angezweifelt worden. Aber man kann anhand der morphologischen Typologie Aussagen bezüglich der Syntax dieser Sprachen machen. Bei isolierenden Sprachen entscheidet die Anordnung der Wörter im Satz darüber, was Subjekt und was Objekt ist. Flektierende Sprachen, die Affixe für die Subjekt- bzw. Objektmarkierung verwenden, sind dagegen relativ flexibel im Satzbau. Agglutinierende Sprachen neigen zur Abfolge Subjekt-Objekt-Verb. Aber auch diese Zusammenhänge sind nicht generalisierbar.

 

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Universalien mp3

Während in den Anfängen der Typologie die Klassifikation von Sprachen im Vordergrund stand, geht die Sprachtypologie heute eng einher mit der Universalienforschung. Unter dem Begriff Universalien versteht man Eigenschaften, die für alle natürlichen Sprachen gelten. Es gibt viele Arten von Universalien. Substantielle Universalien sind konkrete Eigenschaften wie z.B. Kategorien wie Verb oder Subjekt, aber auch distinktive phonologische Merkmale, die es in jeder Sprache geben muss. Formale Universalien betreffen die grammatischen Regeln, denen jede Sprache unterworfen ist. Universalien werden auch in absolute Universalien und statistische Universalien bzw. universelle Tendenzen unterschieden. Absolute Universalien sind Eigenschaften, die tatsächlich für alle Sprachen gelten. Alle Sprachen haben beispielsweise Vokale. Universelle Tendenzen sind Aussagen, die auch für die meisten Sprachen gelten, wobei es aber Ausnahmen gibt. Ein Beispiel wäre die folgende Aussage:

Wenn eine Sprache nur einen einzigen Frikativ hat, dann ist es der Laut /s/.

Diese Aussage gilt also für die meisten Sprachen, aber nicht für alle, denn im Maori gibt es nur die Frikative /f/ und /h/. Schließlich kann man noch implikative und nicht-implikative Universalien voneinander unterscheiden. Bei implikativen Universalien steht eine Eigenschaft im Bezug zu einer anderen. Es gilt also, wenn eine Sprache das Merkmal p hat, dann hat sie auch Merkmal q, wobei es andersherum nicht gelten muss. Es wurden bereits eine Vielzahl implikativer Universalien aufgedeckt, von denen nur einige genannt und kurz erklärt werden sollen:

  1. Wenn eine Sprache einen Trial hat, dann hat sie auch einen Dual, was wiederum bedeutet, dass sie dann einen Plural besitzt.

  2. Wenn eine Sprache die Kategorie Genus verwendet, flektiert sie auch nach der Kategorie Numerus.

  3. Wenn eine Sprache über Flexion verfügt, dann verfügt sie auch über Dervation.

1. Der Trial ist komplexer, so dass, wenn er schon genutzt wird, auch der einfachere Dual verwendet wird. 2. Das lässt sich dadurch erklären, dass das Genus häufiger arbiträr und dadurch konzeptuell schwerer zugänglich ist, während Numerus eine kognitiv transparente semantische Eigenschaft darstellt. 3. Wenn weniger semantisch relevante und für die Bedeutungserschließung eher redundante Elemente wie Flexive an einen Stamm herantreten, dann werden relevantere wie Derivationsaffixe ebenfalls verwendet.

Nicht-implikative Universalien sind Aussagen, die keinen Bezug zu anderen Eigenschaften haben. Das betrifft z.B. die Aussage, dass alle Sprachen Vokale haben.

Nun wollen wir einige Universalien betrachten, die die Abfolge von Morphen betreffen. Im letzten Kapitel wurde bereits die Untersuchung von J. Bybee bezüglich der Reihenfolge von Flexionsaffixen angesprochen. Sie beruht auf absoluten Universalien und universalen Tendenzen, anhand derer man die Abfolge von Flexiven verallgemeinern kann. Eine absolute Universalie wäre beispielsweise, dass die Aspektmarkierung näher an die Wurzel herantritt als die Modusmarkierung. Universale Tendenzen wären beispielsweise, dass die Flexion nach Numerus der Wurzel näher ist als die nach Kasus, oder die nach Tempus näher an die Wurzel tritt als die Personmarkierung. Zusammenfassend lässt sich also für Verben und Nomen die Abfolge von Morphen innerhalb einer Wortform feststellen:

Verben: Wurzel – Aspekt – Zeit – Modus – Person

Nomen: Wurzel – Numerus – Kasus

Verwendet die Sprache Suffixe für die jeweiligen Kategorien, ist die Reihenfolge entgegengesetzt, verwendet eine Sprache Prä- und Suffixe, gilt diese Generalisierung nicht. Die Reihenfolge der Morphe wird dabei von deren semantischen Relevanz bezüglich der Wurzel bestimmt. Der Kasus eines Nomens zeigt z.B. die Beziehung zu anderen Elementen des Satzes an. Numerus aber hat einen größeren Einfluss auf den semantischen Inhalt eines Nomens, so dass er der Wurzel näher ist. Alle Sprachen flektieren zumindest bei einigen Nomen nach Numerus, aber nicht alle Sprachen flektieren nach Kasus. Genus hat zwar einen größeren Einfluss auf ein Nomen als Numerus, wird aber häufig als separates Morph ausgedrückt (king vs. queen) oder in Form einer Derivation (König vs. Königin), während Numerus überwiegend durch Flexion ausgedrückt wird.

Wie lassen sich Universalien begründen?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, diese Frage zu beantworten. Eine mögliche Antwort besagt, dass sie einfach angeboren sind. Angeborene Universalien erleichtern Kindern den Erstspracherwerb. Eine andere Erklärung ist der gemeinsame Ursprung. Alle Sprachen entstanden möglicherweise aus einer gemeinsamen Sprache, die diese Universalien enthält und weitergegeben hat. Doch auch diese Ursprache müsste von den Urmenschen geprägt sein und kann nicht nur eine arbiträre Mischung von Strukturelementen sein, so dass das Problem so auch nicht gelöst werden kann. Eine Alternative wäre, dass Universalien die Sprache funktionaler in Bezug auf das Kommunikationssystem im Allgemeinen oder in Bezug auf die kommunikativen Bedürfnisse der Menschen machen. Pragmatische Erklärungen betreffen den Zusammenhang zwischen Sprachstrukturen und dem Sprachgebrauch. Eine Universalie der pragmatischen Art ist das Vorhandensein von Deixis, also sprachlichen Ausdrücken, mit denen man auf Sprecher und Hörer Bezug nehmen kann, wie die Pronomen für die 1. und 2. Person. Eine Sprache, die nicht darüber verfügen würde, bei der man also immer den Namen oder eine andere Phrase wie der Mann mit dem grünen Hemd verwenden müsste, würde sich schon stark von den bekannten natürlichen Sprachen unterscheiden. Das Vorhandensein eines deiktischen Systems ist bei der direkten Kommunikation also sehr nützlich. Alle diese Erklärungsversuche haben natürlich Vor- und Nachteile und anhand der Vielzahl verschiedener Alternativen kannst du bereits erkennen, wie schwierig es ist, eine Antwort auf diese Frage zu finden.

 

Literatur:
Bauer, L. 2003. Introducing Linguistic Morphology. Edinburgh: Edinburgh University Press.
Comrie, B. 1981. Language Universals and Linguistic Typology. Oxford: Basil Blackwell.