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Flexion

 

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Flexion

Die Flexion verläuft wie auch die Derivation über Affigierung, wobei allerdings keine neuen Lexeme, sondern Wortformen hergestellt werden. Außerdem kommt es bei der Flexion auch nicht zu einem Wortartwechsel. Aus dem Verb wohnen kann durch das Derviationssuffix –ung ein Nomen werden, Wohnung, aber bei Anfügen eines Flexivs, also eines Flexionsaffixes, bleibt es immer noch ein Verb: wohn-e/wohn-st/wohn-te. Im Deutschen und Englischen befinden sich die Flexionsaffixe immer an letzter Stelle bzw. an der äußersten rechten Seite des Wortes. Es kann allerdings sein, dass sich mehrere Flexionssuffixe aneinanderreihen, wie bei dem Wort machte. Das -t ist das Flexionssuffix für die Flexionskategorie Tempus und –e für Person und Numerus. Eine Flexionskategorie ist eine Menge grammatischer Sub-Kategorien, nach denen Wörter flektiert werden können, so dass ihnen im Rahmen dieser Flexionskategorie (z.B. Tempus) eine bestimmte grammatische Bedeutung (z.B. Präteritum) zugewiesen wird. Die Reihenfolge der Flexionsaffixe, die an Wörter herantreten, ist dabei unterschiedlich. Eine Untersuchung von J. Bybee (1985) zu Verbflexion in 50 Sprachen ergab, dass es Tendenzen in der Abfolge gibt. Semantisch relevante Affixe sind dem Verbstamm am nächsten. Danach folgen Affixe für Tempus, für Modus und letztlich für Person. Aus diesem Prinzip folgt auch, dass Derivationsaffixe, die eher lexikalische Bedeutung beitragen und häufig erst die Wortart und damit auch die Flexionswahl bestimmen, typischerweise näher am Stamm sind als Flexionselemente. Außerdem sollten deshalb Flexionen innerhalb von Wortbildungen eher selten sein.

Flexionssuffixe können an alle möglichen Stämme herantreten. Das –t für 3. Person Singular Indikativ Aktiv Präsens kann z.B. an unregelmäßige bzw. starke wie kommt und regelmäßige bzw. schwache Verben wie lacht herantreten. Flexionsaffixe sind also sehr produktiv. Wenn ein neues Wort gebildet wird, folgt es der Flexion, die die Wortklasse des Wortbildungsproduktes vorgibt. Die Flexion kann aber auch ohne Affixe verlaufen. Beispielsweise kann sie den Stamm betreffen. Das ist der Fall beim Ablaut unregelmäßiger bzw. starker Verben wie treffen, traf, getroffen, oder begin, began, begun, der in allen germanischen Sprachen vorkommt. Auch der Umlaut ist ein nicht-segmentierbares Flexiv wie bei Vater - Väter. Flexion mittels Reduplikation finden wir z.B. im Lateinischen curro (ich laufe) vs. cucurri (ich lief) (eigentlich Perfekt) sowie in einigen wenigen altgermanischen Formen.

Flexionen dienen häufig auch der grammatischen Kongruenz im Satz. Damit ist die Übereinstimmung der Satzglieder bezüglich ihrer grammatischen Kategorien gemeint. Im Satz: Die Frau ist schön. ist eine grammatische Kongruenz (Person und Numerus betreffend) zwischen den Satzgliedern Subjekt und Verb gegeben. Wird ein Satzglied hinsichtlich einer Kategorie verändert, müssen die anderen Satzglieder diese Änderung ebenfalls vollziehen, damit die Kongruenz bewahrt bleibt: Die Frauen sind schön.

Auch wenn beides ähnlich verläuft, gibt es wichtige Unterschiede zwischen Derivation und Flexion. Die Derivation betrifft das Lexikon bzw. den Wortschatz einer Sprache. Es handelt sich um einen Wortbildungsprozess, bei dem neue Lexeme gebildet werden. Die Flexion dient vorwiegend der Syntax, insbesondere der grammatischen Kongruenz. Es gibt allerdings Linguisten, die nicht von einer klaren Trennung zwischen Derivation und Flexion ausgehen. So finden wir z.B. Zweifelsfälle wie die Bildung von Partizipien oder die Steigerung, wo schwer zu entscheiden ist, ob sie zur Wortbildung oder Flexion gehören. Sie werden zur Flexion hinzugezählt, obwohl sie nicht die Wortform verändern, sondern neue Wörter bilden und zudem nach den die Steigerung auslösenden Suffixen auch noch Flexionssuffixe enthalten. Anhand der Beispiele klein und mach kann es nachvollzogen werden. Bei der Steigerung wird aus dem Adjektiv klein kleiner. Das kann dann je nach Kasus oder Numerus zu kleinere oder kleineres geändert werden. Aus dem Verbstamm mach kann das Partizip machend oder gemacht gebildet werden, das ebenfalls flektiert werden kann zu machende oder gemachtes. Es ist also unklar, was davon nun in den Bereich der Wortbildung gehört und was in den Bereich der Flexion. Eine Möglichkeit, die Trennung beizubehalten, Problemfälle aber nicht zu ignorieren, ist die Annahme eines prototypischen Flexionsaffixes, d.h. eines Affixes, das am typischsten ist und möglichst viele Eigenschaften der Flexion erfüllt. Man könnte also sagen, dass ein prototypisches Flexionsaffix nicht die Wortart wechselt, den Derivationssuffixen nachgeordnet ist, kein neues Lexem, sondern eine andere Wortform bildet. Ein prototypisches Derivationsaffix wäre dann ein Affix, mit dessen Hilfe ein neues Lexem gebildet wird, das die Wortart ändern kann und näher an die Wurzel herantritt.

In dieser Übersicht kannst du die Unterschiede zwischen Komposition, Derivation und Flexion noch einmal nachvollziehen:


Quelle (adaptiert): Linke/Nussbaumer/Portmann (1996): Studienbuch Linguistik S. 64

Folgende Wortarten sind bei der Flexion relevant:


Die Wortformen dieser Wortarten werden anhand bestimmter Flexionskategorien gebildet, die in diesem Kapitel genauer vorgestellt werden sollen.

 

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Deklination

Die Deklination oder auch Nominalflexion betrifft die nominalen Wortarten Substantiv, Adjektiv, Artikel und Pronomen und verläuft in den meisten Sprachen mittels der Flexionskategorien Kasus und Numerus und oft auch Genus. Der Oberbegriff für Kasus, Numerus und Genus schwanken in der Literatur. Statt Flexionskategorie für Kasus wird manchmal der Begriff Merkmalklasse verwendet, die Merkmale wie Nominativ oder Akkusativ enthalten kann. Manche bezeichnen Kasus auch als Merkmal mit den Werten Nominativ, Akkusativ usw. Ein andere Bezeichnung ist Oberbegriff Flexionskategorisierung. Numerus wäre demnach eine Flexionskategorisierung der Kategorien Singular und Plural. Die Ausprägung der einzelnen Flexionskategorien ist in den Sprachen sehr unterschiedlich. Für das Deutsche sind folgende Kategorien relevant:


Kasus

Mit dem Kasus wird die Funktion des Nomens innerhalb eines Satzes signalisiert. In indogermanischen Sprachen können bis zu 8 Kasus vorkommen:

Nominativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ, Ablativ, Lokativ, Instrumental und Vokativ.

Der Nominativ wird für das Subjekt im Satz verwendet, Akkusativ und Dativ für das direkte bzw. indirekte Objekt. Der Genitiv kommt häufig als Attribut vor und bezeichnet eine Abhängigkeitsbeziehung. Der Ablativ erfüllt überwiegend eine adverbiale Funktion. Der Lokativ, sofern in der jeweiligen Sprache vorhanden, steht bei Ortsangaben, mit dem Instrumental werden Instrumente bezeichnet, mittels derer Handlungen vollzogen werden, und der Vokativ ist ein Kasus für Andereformen.

Im Deutschen liegen die Kasus Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ zugrunde. Die Suffixe –e, -(e)n, -(e)s und –(e)r zeigen Kasus und Numerus an, die bei der Flexion immer zusammen behandelt werden. Es gibt verschiedene starke und schwache Flexionsmuster im Deutschen. Diese Bezeichnung entstammt willkürlichen Festlegungen der historischen Sprachwissenschaft in Bezug auf die älteren Sprachstufen. Schwache Flexion ist heute dadurch gekennzeichnet, dass das Flexionselement –(e)n häufig vorkommt, starke dadurch, dass das nicht der Fall ist. Die beiden Flexionsparadigmen für Tag und Mensch sollen diesen Unterschied zeigen:

  Starke Deklination Schwache Deklination
  Singular Plural Singular Plural
Nominativ Tag Tag-e Mensch Mensch-en
Genitiv Tag-(e)s Tag-e Mensch-en Mensch-en
Dativ Tag(e) Tag-en Mensch-en Mensch-en
Akkusativ Tag Tage-e Mensch-en Mensch-en

Ein Paradigma ist die Menge der Wortformen eines Lexems, die zusammen ein Flexionsmuster ergeben. Es handelt sich also um ein Lexem, das anhand von Kategorien wie Kasus und Numerus flektiert wird.

Wie du in diesem Paradigma sehen kannst, gibt es ein Flexionsaffix, das häufiger vorkommt, also verschiedene Merkmalskombinationen realisiert. Das wird auch als Synkretismus (im Sprachwandel: Zusammenfall verschiedener Kasusfunktionen in einer Form) bezeichnet. Das Demonstrativpronomen diese kann z.B. Nominativ und Akkusativ Plural (diese Lieder) oder Nominativ und Akkusativ Singular Femininum (diese Frau) ausdrücken. Synkretismus ist sehr häufig in vielen Sprachen.

Die Anzahl der Kasus in den Sprachen variiert stark. Es gibt Sprachen wie das Englische, bei denen Nomen gar nicht nach Kasus, sondern nur nach Numerus flektiert werden. Die Stellung des Nomens im Satz entscheidet, ob es Subjekt oder Objekt ist. Man sagt auch, das Nomen habe strukturellen Kasus. Auch das Spanische hat keine Kasusendungen. Präpositionen weisen den Nomen ihren Kasus zu. Das Russische hat z.B. 14 verschiedene Kasus. In Ergativsprachen wie den australischen Sprachen, Maya-Sprachen und kaukasische Sprachen sind Ergativ und Absolutiv die Grundkasus. Das Verb entscheidet über die Verwendung der Kasus. Handelt es sich um ein transitives Verb, also ein Verb, das ein Akkusativobjekt verlangt, wird die semantische Rolle des Agens mit dem Ergativ und die des Patiens mit dem Absolutiv gekennzeichnet, bei intransitiven Verben, die kein direktes Objekt verlangen, steht jeweils der Absolutiv für Agens oder Patiens. Ein Satz mit einem intransitiven Verb im Pitjantjatjara, einer australischen Sprache heißt: maƖu-Ø ŋataŋu (Das Känguruh stand). Transitiv mit Absolutiv (Zero-Affix) wati-lu maƖu-Ø kultuŋu (Der Mann speerte das Känguruh) vs. Ergativ (-lu) maƖu-lu wati-Ø pirinu. (Das Känguruh zerkratze den Mann).

Numerus

Der Numerus dient dazu, die Anzahl der Elemente auszudrücken. Dies wird in den Sprachen sehr unterschiedlich realisiert. Die Kategorie Numerus besteht im Deutschen aus dem Singular und Plural. Numerus kann mittels Suffixen, ohne Endungen oder durch den Umlaut angezeigt werden. Der Plural im Englischen wird meist über das Suffix –s realisiert, aber bei einigen Wörtern auch mit –en (oxen) oder mittels des Ablautes (man vs. men). Bei einigen Sprachen kommt der Dual hinzu wie im Polnischen und anderen slawischen Sprachen. Der Plural, wie wir ihn kennen, bedeutet mehr als eins, der Dual aber drückt genau zwei, also eine Zweizahl aus. Er wird oft bei paarig vorkommenden Objekten wie Armen und Beinen verwendet. Trial, wie z.B. in Fidschi verwendet, drückt demnach eine Dreizahl aus, ist also eine Bezeichnung für drei Elemente. In anderen Sprachen wie dem Chinesischen wird gar nicht nach Numerus flektiert. Im Bretonischen wird bei Diminutiven der Plural doppelt markiert: Singular: bagig (little boat), Plural: bagoùigoù.

Ein anderes Mittel, den Numerus anzuzeigen, ist die Reduplikation, wie sie die Beispiele aus dem Maori, einer polynesische Sprache Neuseelands, und dem Ilocano, einer Sprache, die auf den Philippinen gesprochen wird, zeigen, wobei je nach Stamm ein äquivalentes Präfix zur Pluralbildung angehängt wird:

Maori Ilocano
Bedeutung Singular Plural Bedeutung Singular Plural
bad kino kikino dish píŋgan piŋpíŋgan
small nohi nonohi field tálon taltálon
big nui nunui road dálan daldálan
good pai papai life bíag bibíag
long roa roroa head úlo ulúlo

Bei den beiden Beispielen handelt es sich um partielle Reduplikation. Die zugrundeliegende phonologische Struktur des Stammes entscheidet darüber, was verdoppelt wird. Ein Beispiel aus dem Malaiischen, einer austronesischen Sprache, gesprochen in Malaysia, zeigt eine Reduplikation des kompletten Stammes:

Malaiisch
Bedeutung Singular Plural
chair kursi kursikursi
mother ibu ibuibu
elephant gazdah gazdahgazdah
house rumah rumahrumah
table medzah medzahmedzah

Genus

Das Genus drückt das grammatische Geschlecht eines Nomens aus. Es ist nicht mit dem Sexus, dem natürlichen Geschlecht zu verwechseln, welches sprachlich in Wörtern wie Lehrerin ausgedrückt wird. Im Deutschen u. a. germanischen Sprachen sowie dem Russischen u.a. slawischen Sprachen gibt es z.B. drei Genera: Maskulinum, Femininum und Neutrum, im Französischen u. a. romanischen Sprachen dagegen nur zwei: Maskulinum und Femininum. Im Englischen, Japanischen, Türkischen oder Finnischen gibt es beispielsweise gar kein Genus. Die Verteilung der Genera in den Sprachen ist auch sehr unterschiedlich. Im Deutschen flektiert das Wort Tisch männlich, im Französischen weiblich (la table). Das Genus ist im Deutschen ein inhärentes Merkmal des Lexems. Es wird über Artikel etc. ausgedrückt, nicht durch Affixe. In anderen Sprachen wie Nyanja, einer Bantu-Sprache in Malawi, flektieren Nomen nach Genus mittels Präfixen.

Komparation

Adjektive beziehen sich nicht nur semantisch auf das Nomen, sie richten sich in ihrer Flexion hinsichtlich Kasus, Numerus und Genus auch nach ihnen. Bei Adjektiven kommt neben der Deklination mit diesen drei Flexionskategorien auch noch die Komparation bzw. Adjektivflexion hinzu, die manchmal auch als eigenständige Flexionsart aufgelistet wird. Die Komparation verläuft mittels dem Positiv (z.B. klein), dem Komparativ (kleiner) und Superlativ (am kleinsten). Es kann hier auch zu sogenannten Suppletionsformen kommen wie bei gut, besser, am besten oder good, better, best. Das sind Formen, die aus einem anderen Stamm entspringen, bzw. denen ein anderer Stamm zugrunde liegt. Außerdem flektieren Adjektive im Deutschen nur in attributiver Verwendung und je nach syntaktischer Umgebung verschieden. Wenn das Adjektiv ohne Artikel vor einem Substantiv vorkommt, wird es stark flektiert wie bei toller Film. Bei der starken Flexion ist das Suffix des Adjektivs mit dem des Demonstrativpronomens identisch: toller Film (dieser). Wenn ein bestimmter Artikel verwendet wird, flektiert es schwach wie bei der tolle Film, bei einem unbestimmten Artikel stark: ein toller Film. Adjektive flektieren aber sowohl in attributiver (der kleinere Mann) als auch in prädikativer (der Mann ist kleiner) Verwendung in Bezug auf die Komparation.

Adjektive unterliegen im Englischen nur der Komparation. Die Flexion nach Genus bei Adjektiven ist weniger verbreitet, aber in einigen Sprachen vorhanden. Im Deutschen finden wir sie nur indirekt über die starke Flexion. Im Französischen gibt es beispielsweise drei Adjektivtypen, die im Maskulinum mit –eur enden, die nach Genus flektieren:

mask. menteur - fem. menteuse (lying)
mask. protecteur - fem. protectrice (protective)
mask. extérieur - fem. extérieure (outside)

 

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Konjugation

Die Konjugation von Verben, die auch Verbflexion genannt wird, betrifft die grammatischen Kategorien Person, Numerus, Tempus und Modus, Genus verbi bzw. Diathese und eventuell Aspekt. Allerdings wird die Kongruenz zum Subjekt nur mittels Numerus und Person hergestellt. Im Deutschen sind für die Konjugation folgende Kategorien relevant:


Ein Verb heißt finit, wenn es nach Person, Numerus, Modus und nach dem Tempus Präsens oder Präteritum flektiert ist. Infinite Verben sind Verben im Infinitiv, das Partizip I wie laufend und Partizip II wie gelaufen.

Person

Die grammatische Kategorie Person wird im Paradigma oft zusammen mit Numerus angegeben. Im Deutschen gibt es somit 6 Personen: ich, du, er/sie/es, wir, ihr und sie. Diese Kategorie wird verwendet, um auszudrücken, auf wen mit einer sprachlichen Äußerung Bezug genommen wird. Die erste Person steht für den Sprecher, die zweite für den Hörer, die dritte für andere. Bezüglich der 1. Person Plural unterscheiden manche außereuropäische Sprachen wie Quechua zwischen einem exklusiven und inklusiven wir. Die inklusive Lesart schließt den Hörer mit ein. Sprecher und Hörer sind also gemeint (in pazifischen Kreolsprachen z.B. mit dem Englischen hergeleiteten Pronomen yumi bezeichnet). Bei dem exklusiven wir wird der Angesprochene ausgeschlossen. Dann sind also nur der Sprecher und dritte Personen gemeint. In Quechua gibt es also Ñuqanchik als inklusives und Ñuqayku als exklusives wir.

In vielen Sprachen gibt es mehr als 6 Personen. Die Sprache Palaung, in Myanmar gesprochen, kennt 11 Personen:

Palaung
Person Morph Bedeutung
1 ar you and I
2 ɛ you and I and other(s)
3 ɔ I
4 yar we two (not including addressee)
5 yɛ we (three or more, not including addressee)
6 mi you (singular)
7 par you two
8 pɛ you (three or more)
9 ʌn he or she
10 gar they two
11 gɛ they (three or more)

Sprachen, die Personalpronomen verwenden, verfügen meist zusätzlich über alternierende Höflichkeitsformen. Im Deutschen z.B. du und Sie oder tu und vous im Französischen.

Tempus

Die grammatische Kategorie Tempus dient zur Wiedergabe von Zeitbezügen. Man kann also angeben, ob der ausgedrückte Sachverhalt vor, während oder nach dem Sprechzeitpunkt geschieht. Das wird in den Sprachen sehr unterschiedlich realisiert. Dabei ist die Unterscheidung zwischen Präsens und Präteritum in fast allen Sprachen vorhanden. Viele Sprachen verwenden außerdem das Futur. Im Chinesischen gibt es kein Tempus. Stattdessen wird die Kategorie Aspekt verwendet. Andere Sprachen differenzieren die Vergangenheitsformen stark. Es gibt in einigen Bantusprachen z.B. eine Zeitform für die unmittelbare Vergangenheit, also für Geschehnisse, die noch am selben Tag Gültigkeit haben, für lange zurückliegende Ereignisse und für Ereignisse, die sehr sehr lange zurückliegen. Die Tempusdifferenzierung muss nicht immer über Flexive verlaufen. Manche Sprachen wie das Malaiische verwenden ausschließlich Zeitadverbien.

Im Deutschen gibt es die Tempora Plusquamperfekt, Präteritum, Perfekt, Präsens, Futur I und Futur II. Die Unterscheidung zwischen den Tempora Präsens und Präteritum ist bei schwachen Verben durch –(e)t gegeben: ich arbeite vs. ich arbeitete. Bei starken Verben dient der Ablaut (singen, sang, gesungen) zur Unterscheidung. Präsens und Präteritum sind synthetische Wortformen, weil sie nur aus einer Wortform bestehen, im Gegensatz zu analytischen Wortformen wie Wortformen im Perfekt in bin gelaufen, die aus zwei Elementen bestehen. Außerdem gibt es Unterschiede bezüglich des Hilfsverbs bei analytischen Wortformen. Es kann das Verb werden + Inifinitiv benutzt werden für Futur I: ich werde lesen und Futur II: ich werde gelesen haben, aber auch das Präsens oder Präteritum von haben/sein + Partizip II für Perfekt: ich habe gearbeitet und Plusquamperfekt: ich hatte gearbeitet.

Genus verbi

Mit dem Genus verbi, auch Diathese genannt, können Sachverhalte aus unterschiedlicher Sicht ausgedrückt werden. In den europäischen Sprachen gibt es dafür Aktiv und Passiv. Damit kann ausgedrückt werden, wer aktiv handelt (Agens) und wem etwas zustößt (Patiens). Das Passiv wird mit dem nach Tempus, Person und Numerus flektierten Hilfsverb werden und dem das Passiv ausdrückende Partizip II gebildet und hat einen syntaktischen und semantischen Bezug zum Aktiv. Beim Satz im Aktiv: Ich lese diese Seite. und dem im Passiv: Diese Seite wird von mir gelesen fällt auf, dass das Subjekt vom Aktivsatz zur Präpositionalphrase wird, während das Akkusativobjekt diese Seite aus dem Aktivsatz zum Subjekt im Passivsatz wird. Neben Aktiv und Passiv gibt es im Altgriechischem z.B. noch Medium. Dabei handelt es sich um eine Konstruktion, die weder aktiv noch passiv ist. Man könnte es mit reflexiven Verben wie sich verlaufen vergleichen.

Modus

Anhand des Modus kann man z.B. die Faktizität also Gültigkeit oder Irrealität von Sachverhalten anzeigen. Der Sprecher kann also seine Einstellung gegenüber dem Sachverhalt ausdrücken. Der Indikativ wird daher auch Wirklichkeitsform und der Konjunktiv Möglichkeitsform genannt. Der Imperativ löst einen eigenen Satztyp aus, den Imperativsatz. Er kann nur in der Form 2. Person Singular (lies!) oder 2. Person Plural (lest!) vorkommen. In anderen Sprachen wie dem Türkischen oder Altgriechischen kommt Optativ als Modus vor, womit etwas ausgedrückt wird, was möglich und erwünscht ist. Als weiterer Modus wird gelegentlich der Infinitiv aufgelistet, obwohl er von manchen Linguisten auch als eigenständige Verbform aufgefasst wird. Vereinzelt kommen in wenigen Sprachen auch andere Modi vor wie Adhortativ (Aufforderung an 1. Pers. Pl zur gemeinsamen Aktion) oder Involuntativ (drückt aus, dass eine Tätigkeit unabsichtlich oder ungewollt ausgeführt wurde).

Aspekt

In vielen Sprachen wie den slawischen sind auch andere Kategorien wie Aspekt beteiligt. Es gibt im Russischen z.B. den perfektiven und imperfektiven Aspekt. Damit wird ausgedrückt, dass der vom Verb ausgedrückte Sachverhalt entweder abgeschlossen ist (perfektiv), wobei der Blickpunkt des Sprechers außerhalb des Geschehens liegt, oder unabgeschlossen (imperfektiv), also in seinem Ablauf unüberschaubar ist, wobei der Blickpunkt des Sprechers inmitten des Geschehens liegt. Der Satz im Perfektiv: včerá my otremontírovali (perfektiv) lift. ('gestern haben wir den Aufzug repariert' - d.h. er funktioniert jetzt) vs. Imperfektiv: včerá my remontírovali (imperfektiv) lift. ('gestern haben wir den Aufzug repariert' - ohne Bezug zum Äußerungszeitpunkt). Die Kategorie Aspekt ist mit dem Tempus eng verknüpft. Wird ein Verb im Russischen im Präsens verwendet und handelt es sich um den imperfektiven Aspekt, wird es als Futur interpretiert. Mit dem Aspekt wird die geringe Tempusdifferenzierung kompensiert.

Auch die englische Progressivform I'm smoking gegenüber I smoke zählt zu den Aspektformen. Sie stellt eher einen Sonderfall des imperfektiven Aspekts dar, da die Handlung als eine Handlung mit Anfang und Ende aufgefasst wird, die allerdings im Bezugszeitpunkt andauert.

 

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Flexion im Strukturbaum

Zuletzt wollen wir uns noch anschauen, wie man die Flexion im Strukturbaum darstellen kann. Flexionselemente treten nur an Elemente heran, die als Kopf fungieren. Das Flexionselement wird dann Kopf des flektierten Wortes. Du kannst den Knoten nach der Wortart benennen, oder ihn als Flexionsaffix markieren und die Kategorien angeben, die dem Flexiv zugrunde liegen. Im obersten Knoten kannst du auch die Kategorien angeben.


 


 

Literatur:
Bauer, L. 2003. Introducing Linguistic Morphology. Edinburgh: Edinburgh University Press.
Jensen, J. 1990. Morphology. Word structure in Generative Grammar. Amsterdam: John Benjamins Pubilishing Company.