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Wortbildung II: Derivation

 

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Derivation mp3

Die Derivation ist auch ein Wortbildungsprozess, bei dem neue Wörter größtenteils über Affigierung gebildet werden. Sie werden Derivate genannt. Wenn die Derivation mit Hilfe von Affixen verläuft, wird sie auch explizite Derivation genannt. Dann besteht das Derivat aus einem Stamm in Form eines freien Morphems oder auch Derivationsbasis genannt und einem Derivationsaffix, das selbst keine Bedeutung hat, aber den Stamm modifiziert. Aus bereits vorhandenen Wörtern können durch Affigierung neue gebildet werden: aus frei und -heit wird Freiheit. An diesem Beispiel kann man einen Wortartwechsel feststellen, was auch Transposition genannt wird. Aus dem Adjektiv wurde durch Affigierung ein Nomen. Das Suffix ist also der Kopf und verändert die Wortart oder die Kategorie bzw löst eine Kategorie aus, wie bei der Mensch, die Menschheit. Hier ist sowohl die Derivatsbasis ein Nomen, als auch das Derivat, aber aus Maskulin wurde Feminin. Es gibt also auch eine explizite Derivation, bei der trotz Affigierung kein Wortartwechsel zustande kommt, wie auch bei Reh – Rehlein. Affigierung ohne Wortartwechsel wird Modifikation genannt. Neben der expliziten gibt es noch eine implizite Derivation. Dabei handelt es sich um eine Derivation ohne Affigierung, aber mit Veränderung des Stammvokals. Derivation verläuft im Deutschen hauptsächlich über Suffixe. Aber auch Präfixe sind beteiligt und ein Zirkumfix bei Derivationen zu Nomen wie Getanze. Infixe gibt es im Deutschen nicht. Im Laotischen aber kann aus dem Adjektiv ska:t (rau) durch ein Infix das Verb s-m-ka:t (rau machen) gebildet werden.

Innerhalb des Strukturbaums bekommen die Knoten der Affixe die Bezeichnung für die Wortart, die sie auslösen. Der Strukturbaum für das Nomen Freiheit sieht so aus:


 

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Derivationstypen mp3

Im folgenden sollen nun die verschiedenen Derivationstypen mit den jeweilig beteiligten Affixen vorgestellt werden. Es kann nicht auf jedes einzelne Affix eingegangen werden (siehe dazu aber Fleischer/Barz, 1995), jedoch sollen einige genauer beschrieben werden.

  Präfixe Suffixe
  nativ nicht nativ nativ nicht nativ
Nomen erz-, ge-, haupt-, miss-, un-, ur- a-/an-, anti-, de-/des-/dis-, ex-, hyper-, in-, inter-, ko-/kon-/kol-, kom-, non-, prä-, pro-, re-, super-, trans-, ultra- -bold, -chen, -de, -e, -(er/el)ei, -el, -er, -heit/-keit/igkeit, -icht, -ian/jan, -i, -in, -lein, -ler, -ling, -ner, -nis, -rich, -s, -sal, -schaft, -sel, -t, -tel, -tum, -ung, -werk, -wesen -ament/-ement, -ant/-ent, -anz/-enz, -age, -ar/-är, -arium, -at, -aille, -ade, -asmus/-ismus, -ee, -esse, -elle, -ette, -(er)ie, -eur, -ier, -iere, -ik, -iker, -ine, -(at/tx)ion, -ist, -(i)tät, -(at/it)or, -ose, -ur
Adjektiv erz-, miss-, un-, ur- a-/an-, anti-, de-/des-/dis-, ex-, hyper-, in-/il-, im-/ir-, inter-, ko-/kon-/kor-, non-, para-, post-, prä-, pro-, super-, trans-, ultra- -bar, -e(r)n, -er, -fach, -haft, -icht, -ig, -isch, -lich, -los, -mäßig, -sam -abel/-ibel, -al/-ell, -ant/-ent, -ar/-är, -esk, -iv, -oid, -os/-ös
Verb ab-, an-, auf-, aus-, be-, bei-, dar-, ein-, ent-, er-, ge-, los-, miss-, nach-, ob-, über-, um-, unter-, ver-, vor-, wider-, zer-, zu- de-/des-/dis-, in-, inter-, ko-/kom-/kon-/kor-/kol-, prä-, re-, trans- -ig, -(is/ifiz)ier, -(e)l, -(e)r  
Adverb     -dings, -ens, -halben/-halber, -hin, -lei, -lings, -mals, -maßen, -s, -wärts, -weg, -weise  
  • Der Bestand dieser Affixe ist allerdings umstritten, da man bei den Präfixen erz- und haupt- argumentieren könnte, es handle sich um Halbaffixe. Die Suffixe –wesen und –werk könnten ebenfalls Halbaffixe sein.

  • Ein besonderes Präfix ist z.B. ge- wie in bellen → Gebell, denn es bestimmt das Genus und die Flexionsklasse, verhält sich also wie ein Kopf, so dass das Prinzip der Rechtsköpfigkeit aufgehoben wird. Ähnlich macht ver- wie in verblöden häufig Verben aus Adjektiven.

  • Das Präfix ex- ist ein typisches nicht-natives Präfix, welches zu den Lehnpäfixen gezählt wird, da es auch an native Basen herantritt: Ex-Freund. Außerdem ist es besonders, weil es auch frei als Nomen auftreten kann: Mein Ex hat sich wieder gemeldet oder auch als Verb: Willst du dich exen? Obwohl man hier argumentieren könnte, es handle sich um eine Kürzung von exmatrikulieren.

  • Flexionssuffix -en

    Das Suffix -en wird der Flexion zugesprochen, so dass das Verbsuffix -ier wie in buchstabieren ein Derivationssuffix darstellt, auch wenn es nicht an letzter Stelle vorkommen.

  • Diminutivsuffixe wie –chen und –lein sind insofern besonders, als sie keinen Wortartwechsel hervorrufen, was selten ist, und nach der Pluralflexion stehen können wie in Kinderlein oder Kinderchen. Zudem sind sie weitestgehend synonym und, soweit sie nicht regionale (freie) Varianten darstellen, für gewisse Lautumgebungen komplementär (vgl. Büchlein:*Büchchen, Bällchen:*Bälllein).

  • Das Suffix -lich kann transposiv sein, also einen Wortartwechsel auslösen wie bei menschlich, muss aber nicht, wie bei grünlich.

  • Affixe unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht. Beispielsweise in Bezug auf ihre Produktivität. Die Nominalsuffixe –heit, -er und –ung sind die produktivsten. Das Suffix –sal wie in Scheusal ist eher unproduktiv. Die produktivsten Suffixe der Adjektiv-Derivation sind –ig, -isch und –lich.

  • Affixe unterscheiden sich auch in Bezug auf ihre Basis. Es gibt Affixe, die an viele Basen herantreten wie –ung, das an eine nominale (Satzung), adjektivische (Festung) und verbale Basis (Einführung) herantritt. Das Suffix –wesen kann allerdings nur in Verbindung mit einer substantivischen Basis auftreten, wie in Gesundheitswesen. Man kann die Derivation auch in Bezug auf ihre Basis unterteilen in Derivationen mit nominaler, adjektivischer und verbaler Basis:
  Affix Beispiel
N → N -hood
-chen
childhood
Sternchen
N → A -al
-haft
recreational
zauberhaft
N → V -fy
be-
glorify
bewundern
A → N -ness
-heit
happiness
Klugheit
A → A un-
-lich
unhealthy
kleinlich
A → V -ise
ver-
modernise
verblassen
A → Adv -ly
-weg
slowly
freiweg
V → N -ance
-ung
deliverance
Entführung
V → A -able
-bar
readable
lesbar
V → V re-
ge-
recreate
gehören

Auch in anderen Sprachen gibt es Derivate:

Französisch:
grand(e) (groß) vs. grandeur (Größe)
véritable (wahr) vs. vérité (Wahrheit)
plaire (gefallen) vs. déplaire (missfallen)

Türkisch:
kizil (red) vs. kipkizil (bright red)
kuru (dry) vs. kupkuru (bone dry)
uzun (long) vs. upuzun (extremely long)

Tzeltal, eine Sprache in Mexiko:
bihil (intelligence) vs. bih (intelligent)
milaw (murder) vs. -mil (to kill)
kušleh (life) vs. kuš (to live)

Die Bildung von Verben im Deutschen ist ein wenig komplex, so dass im nächsten Abschnitt darauf noch genauer eingegangen werden soll.

 

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Bildung von Verben mp3

Diese Übersicht zeigt, wieviele Arten von Verben gebildet werden können:


Präfixverben bestehen aus einem Verbstamm und einem untrennbareren Element. Es handelt sich um Präfixe, für die es keine frei vorkommenden Varianten gibt. Sie sind vermutlich aus Präpositionen entstanden, haben aber keine Bedeutung. In Verbindung mit nominalen oder adjektivischen Basen wie bei verjüngen oder verzaubern sind die Präfixe der Kopf, verändern also die Kategorie.

Partikelpräfixverben wie umfahren, durchleuchten oder übersetzen enthalten Partikel, die sich wie Präfixe verhalten und können auch nicht getrennt werden. Der Wortakzent liegt bei ihnen auf dem Stamm. Sie haben Ähnlichkeit mit Partikelverben, die sich aber in vielen Aspekten anders verhalten.

Partikelverben sind Verben, die aus einer Präposition und einem Stamm gebildet werden, wie z.B. anrufen, aufstehen oder aufhören. Sie sind syntaktisch trennbar: Er ruft heute an. Abgesehen von der syntaktischen Trennbarkeit kann man auch anhand der morphologischen Trennbarkeit feststellen, ob es sich um ein Partikel- oder Partikelpräfixverb handelt. Unter morphologischer Trennbarkeit wird das Verhalten beim zu-Infinitiv und beim Partizip II verstanden. Bei Partikelverben ist das zu im Wort integriert, also wortintern wie bei Er hat vor, anzurufen. Es ist also morphologisch trennbar. Bei Partikelpräfixverben ist das unmöglich: Er hat vor, den Text *überzusetzen. Auch beim Partizip II ist der Unterschied erkennbar: Kann das ge- wortintern auftreten wie in Er hat angerufen, liegt eine morphologische Trennbarkeit vor, und es handelt sich um ein Partikelverb. Diese Partizipbildung bei Partikelpräfixverben ist nicht möglich: Er hat den Text *übergesetzt. Außerdem unterscheiden sich die Verben auch hinsichtlich ihrer Produktivität: Während Partikelverben viele Neubildungen eröffnen, ist die Bildung von Partikelpräfixverben eher unproduktiv.

Schließlich gibt es noch Doppelpartikelverben, die aus mehreren Partikeln gebildet werden wie herunterziehen, hinterherlaufen oder miteinbeziehen.

 

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Bedeutung der Derivate mp3

Wie auch bei der Komposition sollen hier nur einige mögliche Wortbildungsbedeutungen von Derivaten aufgeführt werden. Um die Wortbedeutung zu paraphrasieren, wird der Stamm (A) in Relation zum Wortbildungsprodukt interpretiert:

Bezeichnung Relation Beispiel
Nomen agentis Derivat bezeichnet Täter von A Maler
Nomen acti Derivat bezeichnet Resultat von A Verzweiflung
Nomen actionis Derivat bezeichnet den Vorgang von A Schließung
Nomen instrumenti Derivat bezeichnet ein Instrument für A Mixer

 

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Implizite Derivation mp3

Die implizite Derivation ist eine Art der Derivation, die ohne Affigierung verläuft und Nomen- und Verbderivationen mit verbaler Basis betreffen. Ein wichtiger Unterschied zur Konversion ist der, dass diese Wortbildungsart mit einem Wechsel des Stammvokals einhergeht. Diese Derivation ist aber unproduktiv, was damit zusammenhängt, dass die damit verbundenen Prozesse Um- und Ablaut auch unproduktiv geworden sind. Beispiele wären trinken → tränken oder fallen → fällen oder saugen → säugen. Viele Linguisten fassen die implizite Derivation aber auch als eine Konversion auf oder bezeichnen prozessuale Veränderungen des Stammes wie Umlaut oder Ablaut als Modifikationen, ein Begriff, der oben anders besetzt wurde.

 

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Konversion mp3

Bei der Konversion handelt es sich um eine Transposition, also Wortartwechsel ohne Affigierung oder Stammvokaländerung. Bei der Konversion kann u.a. eine verbale Basis zugrunde liegen wie bei laufen → das Laufen oder der Lauf oder engl. to run → a run oder franz. manger → le manger, eine adjektivische wie bei gut → das Gute oder engl. good → the good, eine substantivische wie bei Film → film-en oder eine adverbiale wie heute – das Heute mit der englischen Enstprechung today zum Nomen today. Fragwürdig erscheint aber die Ableitungsrichtung. Stammt film-en nun von Film oder andersrum? In dieser Hinsicht gibt es noch Forschungsbedarf. Man könnte aber z.B. argumentieren, dass es sich bei Nomen wie Entscheid, Zerfall oder Verkehr um eine Konversion ausgehend von Verben handelt, da die Präfixe ent-, zer- und ver- nur bei Verben auftreten. In Bezug auf die Produktivität kann man z.B. davon ausgehen, dass das Verb rufen aus dem Nomen Ruf entstanden ist, da die Konversion N → V produktiver ist als V → N. Ein semantisches Kriterium kann man ebenfalls verwenden. Das Verb fischen bedeutet Fische fangen. Es ist aber kein Hauptmerkmal von Fischen, dass sie gefangen werden, also muss das Nomen Fisch der Ursprung dieser Konversion sein. Es bleiben allerdings viele Zweifelsfälle offen.

Die Konversion hat einen besonderen Status innerhalb der Wortbildung, weil sie scheinbar ohne zusätzliche Elemente realisiert wird. Es ist aber eine weit verbreitete Annahme, dass bei der Konversion ein Nullmorphem auftritt, weshalb dafür auch der Begriff Nullableitung verwendet wird. Demnach wäre die Konversion eine Derivation mit einem Nullmorphem. Durch Postulierung dieses Nullelements könnte man die Wortart- und Kategorieänderung erklären, da es als Kopf auftritt und diese Veränderungen verursacht. Das Nullmorphem wäre also semantisch leer und wird weder orthographisch noch phonologisch realisiert, verursacht aber die strukturellen Änderungen. Das Prinzip der Rechtsköpfigkeit wäre gesichert. Der Strukturbaum für das Nomen Laufen würde folgendermaßen aussehen:


 

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Andere Arten der Wortbildung mp3

Die Komposition, Derivation und Konversion sind die wichtigsten Arten der Wortbildung des Deutschen, aber es gibt noch andere Möglichkeiten, die hier kurz vorgestellt werden sollen:

Bei der Kontamination werden zwei Wörter vermischt, also kontaminiert, wie das bei dem Beispiel jein der Fall ist.

Bei der Kürzung wird Wortmaterial am Anfang oder Ende des Wortes gekürzt, das heißt, dass das Endprodukt kürzer ist als seine Basis. Die Bedeutung bleibt allerdings erhalten. Beispiele wären Uni statt Universität, Bus statt Omnibus oder Auto statt Automobil. Im Schwedischen hingegen gilt dafür das Kurzwort bil.

Wenn Anfangsbuchstaben von Wortbestandteilen für den gesamten Ausdruck stehen, handelt es sich um eine Abkürzung. Sie werden in Versalien geschrieben wie VW für Volkswagen, EDV für elektronische Datenverarbeitung oder LKW für Lastkraftwagen.

Akronyme sind ebenfalls Kürzungen, die aus den Anfangsbuchstaben oder –silben gebildet werden. Sie ergeben im Unterschied zu den Abkürzungen allerdings ein neues phonetisches Wort. Bafög für Bundesausbildungsförderungsgesetz oder Kita für Kindertagesstätte sind Akronyme. Auch das Kunstwort Persil ist ein Akronym, das von seinen Bestandteilen Perborat und Silikat abgeleitet ist. Viele Akronyme für Firmennamen wie Adidas, Eduscho oder Haribo gehen auf deren Gründer zurück. Reine Akronyme (ausschießlich aus Groß-, d.h. Anfangsbuchstaben) sind z.B. Nato, Uno, Aids, ZEMS (an der TU), TOEFL.

Ein weiterer Prozess der Verkürzung stellt das Verfahren der Rückbildung dar. Aus einem komplexen Stamm werden durch Weglassen von Affixen ein neues, kürzeres Wort gebildet. Es handelt sich hierbei um eine spezielle Art der Derivation, weil der Stamm reduziert und nicht erweitert wird. Aus dem Ursprungswort Notlandung wurde z.B. das Verb notlanden rückgebildet.

Reduplikationen sind im Deutschen nur selten. Es handelt sich um eine Verdopplung von Morphemen. Dieser Prozess findet überwiegend innerhalb der Flexion statt, spielt aber auch bei der Wortbildung eine Rolle, z.B. bei wortwörtlich oder tagtäglich. Hier dient es der Ausdrucksverstärkung. Im Lateinischen wäre ein Beispiel für Reduplikation quisquis für 'wer auch immer'. Im Englischen goodie-goodie. Reduplikation gibt es in Verbindung mit Ablaut in Singsang, Zickzack oder Schnickschnack. Ansonsten z.B. auch in kleinklein spielen

Schließlich gibt es noch das in der Literatur oft unterschiedlich behandelten Verfahren der Zusammenrückung. Einerseits wird es in früheren Untersuchungen vorgestellt als Sonderfall der Komposition, deren Komposita Flexionselemente zu enthalten scheinen wie in Sonnenwende. Aber wo ist die Flexion? Der Genitiv von Sonne ist heute endungslos und Wende ist eher eine Derivation. Häufiger wird die Auffassung vertreten, es handle sich um ein Wortbildungsprodukt, das aus einer Wortgruppe besteht wie Vergissmeinnicht, Stelldichein oder Habenichts. Andere Beispiele wären die Syntagmen wie Springinsfeld, Guck-in-die-Luft oder Fang-den-Hut (vgl. auch alte Namen wie Fürchtegott).

 

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Zusammenbildungen mp3

Mittels der Konstituentenanalyse konnten wir bislang immer feststellen, ob es sich um eine Komposition oder Derviation handelt. Es gibt aber auch Grenzfälle, die sogenannten Zusammenbildungen, bei denen der zugrundeliegende Wortbildungsprozess unklar ist. Nehmen wir z.B. das Wort zielstrebig. Welche Wortbildung würde ihm zugrunde liegen? Eine Komposition aus ziel und strebig? Oder eine Derivation aus dem Wort zielstreb?

Komposition Derivation



Aber das Adjektiv strebig gibt es nicht und zielstreb- als Verb ist auch nicht überzeugend. Die Wortbildungsstruktur ist also nicht eindeutig. Deshalb nimmt man an, dass die drei Teile einfach aneinandergefügt wurden, so dass eine ternäre Struktur entsteht:

Komposition oder Derivation?

Die Zerlegung der unmittelbaren Konstituenten entscheidet darüber: Das Wort Leserbrief ist eine Komposition aus leser und brief, auch wenn leser eine Derivation ist.


Ein anderes Beispiel für Zusammenbildung ist herrschsüchtig, wobei man auch nicht weiß, ob es aus herrschen und süchtig oder aus Herrschsucht und -ig entstanden ist. (Anmerkung: von der Semantik her eher das letztere, weil man eher durch Herrschsucht geprägt, und weniger im engeren Sinne süchtig ist.)

 

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Zusammenfassung

In dieser Übersicht sind noch mal alle wichtigen Verfahren der Wortbildung festgehalten:


 

Literatur:
Meibauer, Jörg. 2002. Einführung in die germanistische Linguistik. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler.
Naumann, Bernd. 2000. Einführung in die Wortbildungslehre des Deutschen. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.
Nida, Eugene. 1974. Morphology: The descriptive analysis of words. Don Mills: Ann Arbor: The University of Michigan Press.