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Linguistiktutorien > Morphologie > Wortbildung I: Komposition

Wortbildung I: Komposition

 

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Konstituentenanalyse mp3

Die Bildung von Wörtern unterliegt bestimmten Mustern oder Prozessen. Ein Wortbildungsmuster für die Bildung von Berufsbezeichnungen ist beispielsweise die Suffigierung mit –er wie in Maler. Wortbildungsprozesse lassen sich in unterschiedlicher Weise darstellen. Um die Prozesse einer Wortbildung nachvollziehen zu können, gibt es die Konstituentenanalyse. Das ist ein aus dem amerikanischen Strukturalismus stammendes Verfahren, das dazu dient, die hierarchische Struktur von Sätzen darzustellen. Man kann es aber auch auf Wörter anwenden.

Für die Darstellung der Hierarchie morphologischer Strukturen gibt es verschiedene Möglichkeiten:

Konstituentenstrukturregel: N→V+N

Ein Beispiel für ein Kompositum, das dieser Regel folgt wäre Schreibtisch. In der Literatur hat sich statt Substantiv die Bezeichnung Nomen für Konstituentenanalyen durchgesetzt. Das linke N für Nomen stellt das Kompositum dar. Es besteht, wie der Pfeil zeigt, aus einem Verb als Erstglied und einem Nomen als Zweitglied.

Indizierte Klammerung: [[Schreib]V [Tisch]N]N

Jedes Klammerpaar bildet ein Morph ab, außerdem wird die Wortartzugehörigkeit bzw. die Wortart, die das Morph herstellt, angezeigt. Anhand dieser Klammerung kann man auch die hierarchische Struktur einsehen, denn es ist nicht so, dass die Morphe einfach nur aneinandergehängt werden. Betrachten wir das Wort Regelmäßigkeit. Aus dem Substantiv Regel wurde durch das Suffix –mäßig ein Adjektiv. Durch das Suffix –keit entsteht daraus wieder ein Substantiv. Das lässt sich auch in der Klammerstruktur erkennen:

[ [ [ Regel]N [ mäßig ]A ]A [keit]N ]N

Deutlicher kann man die Wortstruktur aber in den Strukturbäumen oder Baumdiagrammen erkennen. Sie funktionieren wie Stammbäume, nur insofern umgekehrt, als der jeweils höhere (Mutter-) Knoten aus einer der Töchter resultiert, und nicht die Tochter aus der Mutter. Ein allgemeines Beispiel wäre:


A ist der oberste Knoten, der alle anderen Knoten dominiert. An ihm kann man die Wortart erkennen. Es werden dafür die Symbole N für Nomen, A für Adjektiv, V für Verb oder Adv für Adverb verwendet. B und C sind Konstituenten von A. B ist eine unmittelbare und B1 eine mittelbare Konstituente von A. Die Verzweigung der Konstituenten ist immer binär, kann bei Fugenelementen aber auch tertiär sein.

Der Strukturbaum für das Wortbildungsprodukt Schreibtisch sieht so aus:


 

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Produktivität und Wortbildungsbeschränkungen mp3

Die Wortbildung ist die Erweiterung des Lexikons durch Bildung neuer Lexeme oder Veränderung bereits vorhandener. Dabei werden die dabei zugrundeliegenden Prozesse beschrieben. Eine wichtige Eigenschaft, die Wortbildungsprozesse haben, ist ihre Produktivität. Darunter versteht man die Wirksamkeit von Wortbildungsprozessen oder das Ausmaß, in dem sie zur Anwendung kommen. Produktivität ist graduell. Es gibt Wortbildungsregeln, die sehr häufig angewendet werden können. Sie sind dann sehr produktiv. Das ist z.B. bei der Suffigierung mit –er der Fall. Das Suffix kann man an viele Verben hängen und somit ein sogenanntes Nomen agentis erzeugen, also eine Bezeichnung für eine Person, die die durch das Verb ausgedrückte Tätigkeit vollzieht. Produktivität ist aber auch ein Phänomen, das dem Sprachwandel ausgesetzt ist. Ein Suffix, das in älteren Sprachstufen produktiv war, aber bei heutigen Neubildungen keine Rolle mehr spielt, ist das –t. Es existieren noch Wörter mit diesem Suffix wie Geburt oder Fahrt, aber Neubildungen wie *Stört oder *Lest sind ausgeschlossen. Die Produktivität ist von einigen Wortbildungsbeschränkungen beeinflusst, die verhindern, dass Wörter nach dem jeweiligen Muster gebildet werden können. Eine phonologische Beschränkung liegt z.B. bei der Verteilung der Diminutivsuffixe vor, die besagt, dass das Suffix –chen nicht an Wörter herantreten dürfen, die mit –ch enden. Das Wort *Büchchen kann also nicht gebildet werden. Morphologische Beschränkungen geben z.B. vor, dass nicht-native Affixe eher an nicht-native Stämme treten und heimische Affixe eher an heimische Stämme. Das wird auch als Compartmentalization bezeichnet. Das nicht-native Suffix –ität tritt also an nicht-native Stämme wie bei Exklusivität. Es gibt aber auch Ausnahmen, wie Festivität. Die Verteilung des Suffixes –in zur Bezeichnung für Objekte weiblichen Geschlechts ist einer semantischen Beschränkung unterworfen. Dabei gilt, je offensichtlicher die Merkmale der weiblichen Objekte, umso akzeptabler ist die Bildung mit diesem Suffix. Das Wort Löwin existiert bereits, aber *Aalin würde sich wohl nicht so schnell durchsetzen. Die pragmatische Beschränkung gibt vor, dass die Neubildung ein gewisses Maß an Informativität enthalten sollte. Im Sinne der Forderung: Sei so informativ wie möglich sind denkbare Neubildungen wie ungelb schwer durchzusetzen, obwohl in dem Satz Die Zitrone auf dem Bild ist so ungelb sicherlich ein interessanter Effekt entstehen würde. Schließlich gibt es noch die Blockierung, eine besondere Form der Wortbildungsbeschränkung, die besagt, dass die Neubildung nicht möglich ist, da bereits ein Lexem für das zu bezeichnende Objekt existiert. Das Wort Dieb blockiert z.B. die Bildung des Wortes Stehler. Student blockiert Studierer. Eine andere Blockierung liegt vor, wenn die Neubildung bereits mit einer anderen Bedeutung existiert. *Kostbar im Sinne von etwas kann gekostet werden, ist durch das bereits existierende Adjektiv kostbar für wertvoll blockiert. Blockierung dient der Vermeidung von Synonymie, also Bedeutungsgleichheit, denn viele bedeutungsgleiche Begriffe sind in der Sprache unökonomisch.

Wie wir gesehen haben, können sich nicht alle Wörter im Lexikon etablieren. Nur häufig gebrauchte Bildungen können sich festsetzen. Sie werden dann usuelle Bildungen genannt. Ob eine Bildung usuell ist oder nicht hängt von vielen Faktoren ab. Beispielsweise wie vielen Sprachbenutzern dieses Wort verfügbar ist. Okkasionelle Bildungen oder auch Ad-Hoc-Bildungen sind spontane Bildungen, die sich nicht immer im Lexikon festsetzen müssen. Sie sind häufig an bestimmte Kontexte gebunden. Z.B. Sofortismus bei politischen Angelegenheiten. Doch die meisten okkasionellen Bildungen werden lexikalisiert, werden also feste Bestandteile des Lexikons. Potentielle Bildungen sind Bildungen, die noch nicht gebildet wurden, aber jederzeit aufgrund von Wortbildungsregeln möglich sind.

 

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Komposition mp3

Wir haben Komposition bereits als die Erweiterung des Wortschatzes durch Bildung neuer Wörter durch Verwendung bereits vorhandener Lexeme kennen gelernt. Bei der Komposition werden Komposita gebildet. Sie sind das Ergebnis einer Zusammensetzung mindestens zweier Lexeme. Das Kompositum Baumhaus besteht aus den Lexemen Baum und Haus. Aber es kann sich bei dem sogenannten Erstglied auch um ein Konfix handeln wie bei Biogas. In einigen Fällen kann es sich sowohl beim Erst- als auch beim Zweitglied um Konfixe handeln, wie bei Diskothek.

Komposita lassen sich unterteilen in koordinierende Komposita, die Kopulativkomposita heißen und subordinierende, die Determinativkomposita genannt werden. Das sind die häufigsten Komposita, die Bildung solcher Komposita ist also sehr produktiv. Ein Determinativkompositum besteht aus einem Determinans (das Bestimmende), also einem modifizierenden Element und einem Determinatum (das Bestimmte) oder auch Kopf genannt. Das Kompositum Apfelsaft besteht z.B. aus dem Determinans Apfel und dem Determinatum bzw. Kopf Saft. Das Determinans bestimmt das Determinatum näher. Die Grundbedeutung des Kopfes bleibt erhalten, Apfelsaft ist ein Saft, aber die Bedeutung wird modifiziert. Es ist ein Saft aus Äpfeln. Die Gesamtbedeutung des Kompositums ist also von den Teilbedeutungen ableitbar. Das wird auch Motiviertheit bzw. Motivierung genannt. Die Motivierung eines Ausdrucks ist der Maßstab für dessen semantische Transparenz. Es gibt voll motivierte Ausdrücke, teilmotivierte Ausdrücke wie Geizkragen, bei denen nur ein Glied motiviert ist (geiz-) und unmotivierte, oder auch opake Wortbildungen wie Augenblick, deren Bedeutung aus den Teilen gar nicht ableitbar ist. Determinativkomposita sind immer voll motiviert. Auch die grammatischen Eigenschaften und die Wortartzugehörigkeit des Kopfes werden auf das ganze Kompositum übertragen. Man sagt auch, sie werden vererbt, was auch Percolation genannt wird. Im Strukturbaum kannst du das durch ein kleines k für Kopf an der Kopflinie anzeigen, oder die Kopflinie dick bzw. doppelt zeichnen. Das Wort Hochhaus mit Haus als Kopf ist z.B. ist ein Substantiv, haushoch mit hoch als Kopf aber ein Adjektiv.

Wenn die Grundbedeutung erhalten bleibt, handelt es sich um ein endozentrisches Determinativkompositum. Ein Lastwagen ist ein Wagen, genauso wie auch ein Liefer- oder Krankenwagen. Auch morphologisch symmetrisch erscheinende Komposita wie Wassereis und Eiswasser unterscheiden sich semantisch. Wassereis ist ein Eis, das aus Wasser gemacht ist und Eiswasser ist Wasser, das aus geschmolzenen Eis besteht oder so kalt ist wie Eis. Es gibt auch Komposita, die aus mehr als zwei Elementen bestehen wie Autobahnparkplatz. Der Strukturbaum wird dadurch auch komplexer und sieht so aus:


Die Anzahl der Kompositionsglieder scheint unbegrenzt, ist aber aufgrund der kognitiven Kapazität limitiert. Je mehr Elemente das Kompositum hat, umso schwerer wird es, dieses zu verarbeiten, wie das Wort Krankenkassenkostendämpfungsgesetzbeschlussvorlagenberatungsprotokollüberprüfungsausschussvorsitzende bestätigen wird. Wenn du willst, kannst du für dieses Wort einen Strukturbaum erstellen.

Neben den endozentrischen gibt es auch semantisch exozentrische Komposita. Sie sind unmotiviert in dem Sinne, dass beide Bestandteile zusammen ein völlig neues Wort ergeben, das nicht unmittelbar von der ursprünglichen Bedeutung des Kopfes her ableitbar ist. Ein Beispiel wäre Rothaut. Damit wird keine Haut sondern eine Person bezeichnet. Das ist auch bei Dickkopf, Hasenfuß und Bleichgesicht der Fall. Solche Komposita werden auch Possessivkomposita genannt, bei der ein Körperteil für eine ganze Person steht. Solche Komposita gibt es auch im Englischen: redhead.

Neben den Determinativkomposita gibt es Kopulativkomposita, die allerdings viel seltener sind und meist exozentrisch. Zwischen den Kompositionsgliedern besteht kein hierarchisches, also subordinierendes Verhältnis wie bei den Determinativkomposita, sondern ein additives bzw. koordinierendes. Das heißt, dass die Reihenfolge veränderbar ist, es sei denn sie ist so lexikalisiert, also in dieser Form Teil des Lexikons. Außerdem gehören sie der gleichen Wortart an. Länder- oder Städtenamen wie Elsaß-Lothringen oder Wanne-Eickel sind Kopulativkomposita. Aber auch Adjektive wie süßsauer oder nasskalt. Bei den Zahladjektiven kann man am deutlichsten erkennen, dass es von der Bedeutung her egal ist, in welcher Reihenfolge sie konventionalisiert sind. Im Deutschen haben wir einundzwanzig aber im Englischen twenty-one.

 

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Kompositionstypen mp3

Kompositionen lassen sich anhand der Wortarten ihrer Kompositionsglieder unterteilen in:

1. Substantivische Komposition

Das ist die Art der Komposition, die am produktivsten ist, besonders wenn das Kompositum aus zwei Nomen besteht. Bei diesem Kompositionstyp ist der Kopf immer ein Nomen, der die Wortart des Determinans verändert. Im Englischen gibt es auch diese Typen der Komposition. Englische Komposita werden entweder zusammen, getrennt oder mit Bindestrich geschrieben. Folgende Komposita sind am häufigsten vertreten:

Kompositionsglieder Beispiel Strukturbaum
N → N+N Haustier
airplane


N → A+N Hochhaus
greenhouse


N → V+N Waschmaschine
playground


N → Adv+N Innenminister
inside broker


N → P+N Vorgeschmack
underarm


2. Adjektivische Komposition

Da die Zahl der Adjektive in Bezug zum Gesamtwortschatz eher gering ist, sind deren Kompositionen auch nicht zahlreich vertreten. Außerdem werden Adjektive auch eher modifizierend verwendet, so dass sie als Kopf eher untypisch sind.

Kompositionsglieder Beispiel Strukturbaum
A → N+A fußkalt
ice-cold


A → A+A altklug
bittersweet


A → V+A trinkfest
diehard


3. Verbale Komposition

Auch verbale Kompositionen sind im Deutschen wie im Englischen eher wenig entwickelt, wobei eine Komposition zweier Verben den geringsten Anteil haben.

Kompositionsglieder Beispiel Strukturbaum
V → N+V standhalten
hand-make


V → A+V geheimhalten
highlight


V → V+V kennenlernen
freeze-dry


V → Adv+V fortfahren
upgrade


4. Adverbiale Komposition

Dieser Wortbildungsprozess ist im Vergleich zu den anderen erheblich unterentwickelt. Das liegt vielleicht daran, dass sie unflektierbar sind und der geschlossenen Klasse angehören, also ihr Neubildungspotential gering ist.

Kompositionsglieder Beispiel Strukturbaum
Adv → Adv+Adv dorthin


Es ist allerdings fraglich, ob es sich dabei statt einem Determinativkompositum nicht eher um ein Zusammenrücken der Glieder handelt.

Auch in anderen Sprachen gibt es Komposita:

Französisch:
Die Komposition ist im Französischen nicht so produktiv wie im Deutschen. Wo es im Deutschen ein Kompositum gibt, wird es im Französischen oftmals mittels einer Phrase umschrieben:
porte de la maison (Haustür)
salle de bains (Badezimmer)

Außerdem befindet sich bei den romanischen Sprachen der Kopf des Kompositums links vom Stamm:
N → N+N: bateau-maison (feminin) (Hausboot) → bateau (masculin) (Boot) + maison (feminin) (Haus)

Tzeltal, eine Sprache in Mexiko:
N → N+N: tonmut (egg) → ton (stone) + mut (hen)
N → A+N: muk'haʔ (river) → muk' (big) + haʔ (water)
N → A+N: č'ultat (god) → č'ul (holy) + tat (father)
N → V+V: k'atimbak (hell) → k'atim (to heat) + bak (bone)

Tonkawa, eine indianische Sprache in den USA:
N → N+N: yakaw-ka·na- (to kick away) → yakaw- (to kick) + ka·na (to throw away)
N → N+A: ʔa·x-pix (cider) → ʔa·x (water) + pix (sweet)

Bei Beispielen exotischer Sprachen handelt es sich um phonetische Transkriptionen

 

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Fugenelement mp3

Bei Kompositionen kann das erste Glied unflektiert auftauchen wie bei Vogelkäfig. Es kann aber auch ein sogenanntes Fugenelement enthalten. Das sind semantisch leere Segmente, die Konstituenten miteinander verbinden können. Sie kommen auch in Derivationen vor, häufiger aber bei substantivischen Komposita. Ihr Auftauchen kann metrische oder phonologische Ursachen haben. Ist das erste Kompositionsglied sehr umfangreich, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für ein Fugenelement: Handwerk aber Handwerkszeug.

Das Fugenelement kann einer Flexionsendung ähneln wie Staatengemeinschaft als Gemeinschaft der Staaten. Das liegt daran, dass es historisch auf ein solches Flexionselement zurückzuführen ist. Es gibt aber auch Fugenelemente, bei denen offensichtlich ist, dass sie nichts mit Flexion zu tun haben, da sie nicht mit einer Flexionsendung formgleich sind: Schmerzensgeld oder Schwanenhals.

Im Deutschen gibt es folgende Fugenelemente:

Fugenelement Beispiel
-e- Schweinebraten
-en- Frauenhaus
-n- Bauernhof
-es- Siegeswille
-s- Bischofskonferenz
-er- Kinderwagen
-ens- Glaubensfrage

Fugenelemente kommen nicht regelmäßig vor. Man kann aber beobachten, dass nach den Suffixen –heit wie in Reinheitsgebot, -keit wie in Persönlichkeitsstörung, -schaft wie in Vaterschaftstest, -tät wie in Identitätskonflikt, -ion wie in Integrationskonflikt oder -ung wie in Wohnungsinhaber ein Fugenelement zu erwarten ist. Das Fugenelement wird vom ersten Glied bestimmt: Löwenzahn und Löwenanteil. Dabei können aber auch unterschiedliche Fugenelemente ausgelöst werden: Kindskopf, Kinderwagen oder Kindesalter. Im Baumdiagramm könnte man aufgrund der engen Beziehung zum Erstglied mit ihm eine gemeinsame Konstituente postulieren. Damit wäre auch die binäre Verzweigung aufrechterhalten. Man kann das Fugenelement aber auch als eine eigenständige Konstituente betrachten und eine tertiäre Verzweigung erstellen. Das würde folgendermaßen aussehen:


 

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Bedeutung der Komposita mp3

Bisher haben wir eher formale Aspekte der Komposition betrachtet. Jetzt kommen wir zur Bedeutung von Kompositionen. Manchmal ist es gar nicht so einfach, die Bedeutung eines Kompositums zu erklären. Wie könnte man z.B. eine Hemdhose interpretieren? Oder was ist eine Bischofskonferenz? Ein Konferenz des Bischofs oder eine Konferenz für Bischöfe? Um zu erklären, was ein Kompositum bedeutet, paraphrasiert man die Teilbedeutungen. Das Butterbrot ist z.B. ein Brot mit Butter (beschmiert), wobei ein Pausenbrot ein Brot für die Pause ist. Man muss also die semantischen Eigenschaften des Zweitgliedes (B) kennen und es in eine Relation mit dem Erstglied (A) setzen.

Das kann eine lokale oder temporale Relation sein:

Relation Beispiel
B befindet sich in A Stadtautobahn
B führt zu A Haustür
B stammt von A Erdöl
B ist im Zeitraum von A Mittagessen

Das Erstglied kann Bestandteil des Zweitgliedes sein:

Relation Beispiel
B besteht aus A Holztisch
B ist versehen mit A Deckelvase
B ist in der Art/Form/Farbe von A Würfelzucker

Das Zweitglied kann auch bezüglich seines Anwendungsbereiches bestimmt werden:

Relation Beispiel
B dient zu A Arbeitstisch
B schützt vor A Hustensaft

Dies soll nur ein kleiner Ausschnitt von möglichen Grundrelationen sein. Es gibt noch viele andere Relationen, die man zur Interpretation nutzen kann. Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit, Kompositionen zu interpretieren, ohne dass man Bezug auf das Zweitglied nimmt, wie die Analogiebildung zeigt. Bei der Analogiebildung handelt es sich um Bildung neuer Wörter, die nicht durch Wortbildungsregeln gebildet sind, sondern aufgrund bereits vorhandener Kompositionen, auf die Bezug genommen wird: Das Kompositum Hausmann entstand z.B. in Anlehnung an das bereits vorhandene Wort Hausfrau. Auch Diplomkauffrau ist ein Beispiel dafür. Um die Bedeutung der Neubildungen zu verstehen, muss man wissen, was mit dem ursprünglichen Wort gemeint ist. Der Status der Analogiebildung innerhalb der Wortbildung ist allerdings umstritten.

 

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Übergang zwischen Komposition und Derivation mp3

Abschließend soll darauf hingewiesen werden, dass man diese beiden Wortbildungsprozesse eigentlich nicht so strikt voneinander trennen kann. Einige Affixe wie –heit und –zeug waren beispielsweise in früheren Sprachstufen eigenständig und hatten eine Bedeutung (Vgl. Zeughaus). Ein solches Kompositionsglied, aus dem durch Sprachwandelprozesse ein Affix entsteht, nennt man auch Halbaffix oder Affixoid. Der Übergang vom Kompositionsglied zum Suffix kann am Halbsuffix –arm nachvollzogen werden. Das Adjektiv arm im Sinne von notleidend gibt es ja immer noch. Beim Paraphrasieren eines Kompositums mit dem Suffix –arm wird es aber in einer etwas abgewandelter Form verwendet: gefühlsarm - arm an Gefühlen. Eine Interpretation mit notleidend wäre wohl etwas unpassend. Bei Kompositionen mit einem verbalen Erstglied ist der Unterschied schon deutlicher: bügelarm oder pflegearm kann nicht mehr mit arm an erklärt werden. Außerdem wird der negative Aspekt eines Mangels umgewandelt, was auch bei Komposita mit Substantiven als Erstglied erkennbar ist: kalorienarm. Es lässt sich also eine Bedeutungsdifferenzierung erkennen und es ist reihenbildend, also nicht an ein Grundmorphem gebunden, was dafür spricht, -arm als Suffix zu bewerten. Allerdings ist die Bedeutung von arm bei einigen Komposita immer noch erkennbar, so dass auf eine Komposition geschlossen werden kann. Der Terminus Halbaffix drückt diese Zwischenstellung zwischen Derivation und Komposition aus, wird aber nicht von allen Linguisten verwendet.

 

Literatur:
Meibauer, Jörg. 2002. Einführung in die germanistische Linguistik. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler.
Naumann, Bernd. 2000. Einführung in die Wortbildungslehre des Deutschen. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.
Nida, Eugene. 1974. Morphology: The descriptive analysis of words. Don Mills: Ann Arbor: The University of Michigan Press.