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Morphologische Einheiten II

 

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Der Morphembegriff mp3

Im ersten Kapitel haben wir bereits einen Satz segmentiert, d.h. wir haben uns angeschaut, aus welchen Wortformen der Satz aufgebaut ist. Das gleiche Verfahren können wir auch bei Wörtern bzw. Wortformen anwenden: Nehmen wir den Satz:

Das neue Baumhaus ist viel schöner.
abweichende Begriffsverwendung

Die Termini Morph und Morphem werden in linguistischen Arbeiten oft anders benutzt. Es kann vorkommen, dass sie nicht unterschieden werden und der Begriff Morphem verwendet wird, obwohl ein Morph gemeint ist. Also immer aufmerksam lesen!

Das Wort Baumhaus kann in zwei kleinere Einheiten segmentiert werden: Baum und Haus. Wir nennen sie Morphe. Sie realisieren Morpheme. Morpheme sind die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten der Sprache. Eine Wortform kann ein einzelnes Morph enthalten, wie das oder mehrere wie schön-er. Man darf sie allerdings nicht mit Silben verwechseln, denn diese haben keine eigenständige Bedeutung, was man erkennen kann, wenn man das Wort schöner in die Silben schö+ner einteilt.

Es gibt freie und gebundene Morphe. Freie Morphe können eine lexikalische Bedeutung haben wie Kind oder Haus, oder ihnen liegt eine grammatische Bedeutung zugrunde wie bei the oder mit. Wie der Name schon sagt, können diese Morphe frei auftreten. Das heißt, sie können allein eine Wortform darstellen und somit ein Lexem realisieren. Gebundene Morphe müssen immer an ein anderes Element gehängt werden, wie das –e in neue und –er in schöner. Auch gebundene Morphe können eine lexikalische Bedeutung haben wie bei rechn- oder Him- oder eine grammatische wie bei -heit oder -bar.

In dieser Übersicht sind noch einmal alle 4 Arten von Morphen dargestellt:

  freies Morph gebundenes Morph
mit lexikalischer Bedeutung tree
gut
tele-
Öko-
mit grammatischer Bedeutung bei
von
-s (Plural)
-st (2. Person)

Morpheme sind wie Lexeme abstrakte Einheiten und wie eine Wortform ein Lexem realisiert, realisiert ein Morph ein Morphem. Es ist also die Menge aller Morphe, die dieselbe Funktion haben. Die Bezeichnung für das Morphem ist arbiträr. Üblicherweise wird der Name aufgrund seiner Bedeutung oder eines der verbreitetsten, dazugehörigen Morphe gewählt. Per Konvention werden Morpheme in geschweiften Klammern geschrieben, z.B. {Plural}.

In dieser Übersicht kannst du noch einmal die Zusammenhänge zwischen Morphen und Morphemen und Wortformen und Lexemen nachvollziehen:

Lexeme sind gebildet durch ein oder mehrere Morpheme
werden realisiert von   werden realisiert durch
Wortformen sind gebildet durch ein oder mehrere Morphe

 

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Allomorphe mp3

Nun kann es sein, dass es Morphe gibt, die die gleiche Funktion bzw. Bedeutung haben. Sie befinden sich dann in komplementärer Distribution. Sie befinden sich also nicht in einer Opposition, können niemals kontrastieren und werden daher Allomorphe genannt. Sie können nie im selben Kontext oder an der selben Stelle auftreten. Ein Beispiel dafür wären die Pluralendungen des Deutschen. Es gibt mehrere Möglichkeiten, den Plural auszudrücken:

das Auto, die Auto-s

der Hund, die Hund-e

das Kind, die Kind-er

die Frau, die Frau-en

-s, -e, -er und –en sind also Allomorphe des Morphems {Plural}.

Der Kontext in dem sie auftreten, ist fest definiert. Das Plural-s kann z.B. nicht an das Morph Frau gehängt werden.

Die Verteilung der Allomorphe kann phonetisch, lexikalisch oder grammatisch bedingt sein. Die Wahl bei dem englischen Artikel a und an entscheidet z.B. der Folgelaut. Folgt ein Konsonant, wird a benutzt wie in a cat. Bei einem nachfolgenden Vokal verwendet man an wie in an elephant. Die Verteilung dieser Allomorphe ist also phonetisch bedingt. Der Plural von Bank ist beispielsweise lexikalisch bedingt, da das Lexem über die Pluralform entscheidet. Es kann Banken oder Bänke sein, je nachdem, welches Lexem zugrunde liegt. Ein Beispiel für eine grammatisch bedingte Verteilung sind die Adjektivendungen im Nominativ Singular. Sie ändern sich je nach Genus des Substantivs. Es kommen also ein klein-er Wagen, ein klein-es Haus und eine klein-e Maus vor.

Das Plural-Morphem enthält aber auch ein sogenanntes Nullallomorph. Das heißt, es gibt auf lautlicher und orthographischer Ebene keine Realisierung des Plurals. Ein Beispiel dafür wäre Wagen. Die Singular- und Pluralformen sind identisch. Um den Plural auszudrücken, wird innerhalb morphologischer Analysen ein Nullallomorph ø postuliert. Ein weiteres Plural-Allomorph ist auch der Umlaut wie in Äpfel. Dabei handelt es sich um ein prozessuales Allomorph.

Jedes Allomorph ist natürlich auch ein Morph. Die Bezeichnung Allomorph ist nur informativer, weil damit ausgesagt wird, dass das Morph eines von vielen funktionsgleichen Realisierungen eines einzigen Morphems ist.

Bei Allomorphie gibt es also verschiedene Morphe, die einem einzigen Morphem angehören. Das Gegenteil davon sind sogenannte homonyme Morphe. Dabei handelt es sich um formal gleiche Morphe, die aber unterschiedlichen Morphemen angehören. Das Morph -er in Kinder gehört z.B. dem Morphem {Plural} an. Das Morph -er in schöner gehört zum Morphem {Komparativ} und das Morph Er zu {Personalpronomen}.

 

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Portmanteau-Morph mp3

Bisher haben wir gelernt, dass Morphe eine einzige Bedeutung haben. Doch was ist z.B. mit dem Wort was im Satz:

I was there for about three minutes.

Was ist eine Wortform, die nicht weiter segmentierbar ist. Es ist also ein Morph. Was als Wortform realisiert das Lexem BE. Was als Morph hat die Bedeutung Singular und wird somit dem Morphem {Singular} zugeschrieben, denn es kann nur in Sätzen mit Subjekten im Singular verwendet werden.

*We was there for about three minutes.

Aber was enthält auch die Bedeutung Präteritum. Für andere Verben wie like gibt es ein separates Morph –ed, um die Vergangenheit auszudrücken. In unserem Fall gibt es das aber nicht. Das Morph was realisiert also das Lexem BE und dazu die Morpheme {Singular} und {Präteritum}. Auch die Personalpronomen des Deutschen sind Portmanteau-Morphe: ich realisiert z.B. die Morpheme {Nominativ}, {Singular} und {1. Person}.

Ein Morph, das mehr als ein Morphem realisiert und somit mehrere grammatische Bedeutungen enthält, wird Portmanteau-Morph genannt.

 

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Unikales Morph mp3

Ein weiteres besonderes Morph ist das unikale Morph. Es kommt nur in ganz bestimmten Kontexten bzw. nur an einem einzigen Wort vor. Unikale Morphe können frei vorkommen, wie kith in with kith and kin. Dieses unikale Morph ist aber an diese eine Phrase gebunden und kann nicht allein ohne diesen Kontext vorkommen. Viele unikale Morphe kommen aber in gebundener Form vor: luke- in lukewarm, Him- in Himbeere oder Schorn- in Schornstein. Ihre Bedeutung ist nicht mehr durchsichtig und nur noch in Bezug auf ältere Sprachstufen erklärbar. Him in Himbeere hieß im Althochdeutschen beispielsweise hinta, was Hirschkuh bedeutete.

 

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Wurzel, Affix, Stamm mp3

Wir haben bisher zwischen freien und gebundenen Morphen mit grammatischer und lexikalischer Bedeutung unterschieden. Es gibt aber auch noch andere Termini, die man dafür in Bezug auf die Wortbildung verwenden kann:

Eine Wurzel ist ein Morph, das ein Lexem realisieren kann und nicht weiter segmentierbar ist. Manche sagen dazu auch lexikalischer Kern eines Wortes, der je nach Sprache frei vorkommen kann. Affixe heißen alle gebundenen Morphe, die keine Lexeme realisieren und an eine Wurzel gehängt werden, um eine Wortform zu bilden.

Die Wortform reading enthält z.B. die Wurzel read und das Affix –ing. Bei dem Wort something haben wir es mit zwei Wurzeln zu tun. Some und thing realisieren die Lexeme SOME und THING, auch wenn SOMETHING ebenfalls ein Lexem ist.

Affixe können direkt an eine einzelne Wurzel treten wie bei Kind-er oder an Wurzeln, die schon mit einem anderen Affix ausgestattet ist, wie bei Kind-er-chen.

Alles, woran man Affixe setzen kann, sei es eine Wurzel oder etwas größeres, kann man Basis oder Stamm nennen. Bei dem Wort Kinderchen wäre Kind die Wurzel, -er ein Flexionsaffix, welches zusammen mit der Wurzel die Basis bildet, an die das Diminutivaffix –chen herantritt. Das –chen wird also nicht an eine Wurzel gehängt, sondern an eine Basis.

 

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Arten von Affixen mp3

Man kann Affixe anhand ihrer Position bzw. ihrer Stellung zum Stamm klassifizieren in: Präfixe, Suffixe, Zirkumfixe, Infixe, Interfixe und Transfixe.

Wie bei dem Morphembegriff werden Affixe in der jeweiligen Literatur unterschiedlich behandelt bzw. gar nicht behandelt. Manche zählen auch Konfixe und Suprafixe hinzu.

Präfixe sind, wie das Präfix prä- schon andeutet, links vor den Stamm angehängt wie bei un-angenehm oder dis-agree.

In mehreren Sprachen wie Finnisch oder Quechua werden ausschließlich Suffixe verwendet. Das sind Affixe, die rechts an den Stamm herantreten wie bei secret-ly oder Mensch-heit.

Zirkumfixe sind sozusagen eine Kombination aus Prä- und Suffixen. Es ist also ein diskontinuierliches Affix, das links und rechts an den Stamm gehängt wird, wie beim deutschen Partizip ge-mach-t.

Infixe sind Affixe, die in den Stamm eingefügt werden, wie -sc- in lat. convalescere (gesund werden), was in der Grundform convalere heißt. Sie kommen in europäischen Sprachen aber eher selten vor.

Interfixe werden häufiger auch Fugenelement genannt. Es ist ein Affix, das zwischen zwei Stämmen oder anderen Elemente integriert wird wie in Maus-e-loch oder hoffen-t-lich. Auch wenn es manchmal den Anscheint hat, gehören sie weder dem Morphem {Plural}, {Dativ} oder {Possessiv} an, noch haben sie eine andere Bedeutung. Lautliche Bedingungen entscheiden darüber, ob ein Fugenelement integriert werden soll oder nicht. Im Deutschen ist z.B. der Trochäus bevorzugt. Das heißt, eine betonte Silbe wechselt mit einer unbetonten ab. Bei Máus-è-fáll-è ist die Abfolge eingehalten. Máus-fáll-è hingegen verstößt dagegen, so dass das Fugenelement -e- eingefügt werden muss.

Transfixe sind eine sehr spezielle Art von Affixen, denn sie kommen im Zusammenhang mit diskontinuierlichen Stämmen vor. Sie sind auf semitische Sprachen wie z.B. dem Arabischen beschränkt. Die Konsonantenabfolge k_t_b für schreiben kann nie allein ohne Vokale stehen. Die Vokale, die das Transfix ausmachen, werden also je nach Bedeutung eingefügt zu z.B. katab (er schrieb) oder jiktib (er wird schreiben). Transfixe sind sehr komplex. Sie sind wie der Stamm mehrteilig und diskontinuierlich.

Konfixe heißen lexikalische Stämme, die nur gebunden vorkommen wie Bio-. Ihre Zugehörigkeit zu den Affixen kann angezweifelt werden, da sich Affixe in der Regel nicht zu einem selbstständigen Wort verbinden lassen, was bei Konfixen aber der Fall ist: Mikro-phon oder Sozio-loge.

Das Suprafix oder auch Superfix ist ein suprasegmentales Affix, das beim Stamm einen Akzent- oder Tonwechsel bewirkt. Der Wortakzent wird also in morphologischer Funktion verwendet und führt zu einem Bedeutungsunterschied wie beim englischen Nomen éxport und dem Verb expórt. Es ändert die orthographische Form des Wortes aber nicht.

 

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Flexions- und Derivationsaffixe mp3

Affixe können auch anhand ihrer Funktion in Flexions- und Derivationsaffixe unterschieden werden. Wie wir bereits wissen, werden bei der Flexion Wortformen geändert und bei der Wortbildung neue Lexeme gebildet. Also stellen Flexionsaffixe neue Wortformen und Derivationsaffixe neue Lexeme her.

Doch wie kann man die beiden Affixarten nun voneinander unterscheiden?

Bei dem Wort recreates kann man das Präfix re-, die Wurzel create und das Suffix –s identifizieren. Durch das Präfix re- wird ausgehend von der Basis create ein neues Lexem RECREATE erzeugt. Das Suffix –s bildet eine neue Wortform, stellt aber kein neues Lexem her. Wir können also sagen, dass das Präfix re- ein Derivationsaffix und das Suffix –s ein Flexionsaffix ist.

Wie sieht es bei dem Wort formalises aus? Die Wurzel dieser Wortform ist form und daran sind drei Suffixe gehängt: -al, -ise und –s. Welche davon dienen der Flexion und welche der Derivation? Nehmen wir das erste Suffix. Um das zu erkennen, gehen wir so vor, dass wir uns eine Basis vorstellen, deren Wurzel mit diesem Affix kombiniert ist: formal. Dann müssen wir uns fragen, ob es ein neues Lexem darstellt, oder nicht. In diesem Beispiel ist das der Fall. Also ist –al ein Derivationsaffix. Das gleiche Verfahren wird auch bei den anderen Suffixen angewandt. Formalise wäre demnach die Wortform eines anderen, eine Tätigkeit ausdrückenden Lexems. Also ist auch –ise ein Derivationssuffix. Formalise-s ist allerdings eine andere Wortform des gleichen Lexems FORMALISE. Hier handelt es sich also um ein Flexionssuffix.

Wie würde es mit dem Wort Empfindlichkeiten aussehen? Was wären hier Flexions- und Derivationsaffixe? Überlege selbst!

Zugegeben: manchmal ist es nicht eindeutig, ob es sich nun um ein Flexions- oder Derivationsaffix handelt. Ein kleiner Hinweis kann dir helfen, deine Entscheidung voranzutreiben: Wenn ein Affix die Wortart der Basis ändert, ist es ein Derivationsaffix. Flexionsaffixe ändern die Wortart einer Basis nicht. Andererseits schließt ein Gleichbleiben der Wortart nicht aus, dass ein Derivationsaffix vorliegen kann. In unserem Beispiel war form ein Substantiv und formal ein Adjektiv. Das Suffix –al hat also einen Wortartwechsel hervorgerufen. Aus dem Adjektiv wurde durch das Derivationssuffix –ise ein Verb. Das Suffix –s hat allerdings nichts an der Wortart geändert. Formalises ist immer noch ein Verb. Aber: In dem Wort recreate hat das Präfix re- keinen Wortartwechsel hervorgerufen, obwohl es ein Derivationspräfix ist.

 

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Zusammenfassung mp3

In diesem Kapitel haben wir Morphe als morphologische Einheit kennengelernt. Wie wir gesehen haben, gibt es viele verschiedene Morphe und viele Arten, Morphe zu klassifizieren und zu benennen. In dieser Übersicht kannst du noch einmal nachvollziehen, wie vielseitig dieser Begriff ist.


 

Literatur:
Bauer, L. 2003. Introducing Linguistic Morphology. Edinburgh: Edinburgh University Press.
Fleischer, W./Barz, I. 1995. Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.