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Morphologische Einheiten I

 

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Übersicht: Morphologie mp3

Wir haben bereits von Flexionen gesprochen. Doch die Morphologie beinhaltet viel mehr als das. Dieses Schaubild zeigt dir, womit wir es hier zu tun haben.


Dies sind die wichtigsten Wortbildungsprozesse. Morphologie spaltet sich also traditionell in Flexion und Wortbildung auf.

* - ein Sternchen als Markierung für ungrammatische Sätze

Solch ein Sternchen kann dir in allen Gebieten der Linguistik begegnen. Damit soll angedeutet werden, dass eine Äußerung aufgrund ihrer Lautung, Bedeutung oder Verwendungssituation unpassend oder ein Satz ungrammatisch ist.

Bei der Flexion werden grammatische Wortformen und deren Kombinierbarkeit untersucht. Flexion ist auch die Basis der grammatischen Kongruenz. Flexionsformen wie das Plural-s in cars bzw. korrespondierende Pluralelemente in der Verbform sorgen dafür. Der Satz

Das ist eine schöne Sprache.

ist grammatisch korrekt, da alle Wortformen aufeinander abgestimmt sind. Beim Satz

*Das sind eine schöne Sprache.

ist das nicht der Fall. Im Verb ist die grammatische Kategorie Plural enkodiert, was nicht mit dem Substantiv Sprache übereinstimmt, da es im Singular vorkommt. Das heißt, dass das Verb dem Substantiv entsprechend gebeugt werden muss, damit die Flexion hier stimmt. Die Flexion untersucht also unterschiedliche Wortformen, die durch grammatische Kategorien wie Plural geändert werden. Durch diese Kategorien lassen sich die Wortarten voneinander unterscheiden.

Die Wortbildung hinterfragt Muster, nach denen die Wörter gebildet werden bzw. strukturiert sind. Außerdem geht es um die Erweiterung des Wortschatzes durch Bildung neuer oder Veränderung vorhandener Wörter. Komplexe Wörter können durch kleinere, eigenständige Wörter zusammengesetzt sein, wie z.B. Hausboot. Dieser Wortbildungsprozess ist im Deutschen sehr weit verbreitet. Es können also im Extremfall Wörter wie Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz entstehen. Dieser Prozess wird Komposition genannt. Bei der Derivation wird ein abhängiges Wortteil, ein Derivationsaffix, an eine eigenständige Worteinheit angehängt. Dieses neu entstandene Wort hat dann eine neue Bedeutung oder gehört einer anderen Wortart an. Bei der Derivation lehrenLehrer bzw. überwachenÜberwachung ändert sich sowohl die Wortart als auch die Bedeutung. Diese und andere Wortbildungsprozesse werden wir noch genauer kennenlernen.

 

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Das Wort mp3

Die Frage: Was ist ein Wort kommt dir vielleicht seltsam vor. Aber überlege mal, wie du diese Frage beantworten würdest. Da würden dir sicher mehrere Kriterien einfallen, oder? Und tatsächlich gibt es mehrere mögliche Definitionen. Wenn du an eine Folge von Buchstaben denkst, die von einem Leerzeichen getrennt ist, aber selbst keines enthält, dann meinst du das orthographische Wort. Du würdest also in dem Satz

Die Welt ist klein.

vier Wörter identifizieren. Diese Erklärung sieht also auf den ersten Blick plausibel aus. Aber wie viele Wörter würden dann folgende Sätze enthalten:

Ich hab's verstanden.

Ich fange an, es zu verstehen.

Abkürzungen und trennbare Verben stellen also ein Problem dar. Für die geschriebene Sprache trifft diese Definition zu, aber für unsere Zwecke reicht sie nicht aus.

Ein anderes Kriterium stammt aus der Phonologie: Man könnte behaupten, ein Wort wäre eine Folge von Lauten, die von Grenzsignalen wie Pausen oder Wortakzenten abgegrenzt wird. Aber die gesprochene Sprache verläuft fließend, ohne Pausen, so dass ganze Sätze nach dem Pausenkriterium ein einziges Wort ausmachen könnten. Immerhin könnten wir hab’s als ein aus den beiden Formen habe und es bestehendes phonologisches Wort identifizieren, da kein deutsches Wort kleiner ist als eine Silbe und jedes (mindestens) einen Wortakzent besitzt. Bei der Abgrenzung der übrigen Wörter hilft uns dieser Begriff allerdings auch nicht weiter. Fange an beispielsweise hat zwei akzentuierte Elemente und kann sogar von anderen Wörtern unterbrochen werden wie in fange heute an, und doch betrachten wir es als eine Worteinheit (vgl. anfangen). Es gibt sehr viele Kriterien, die zu sehr vielen Definitionen führen, aber um sich einer guten Beschreibung anzunähern, werden die Termini Lexem, Wortform und grammatisches Wort benötigt.

 

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Lexeme und Wortformen mp3

The cook was a good cook as cooks go and, as cooks go, she went.

Wie viele verschiedene Wörter zählst du in diesem Satz? Die Antwort auf diese Frage könnte etwas schwierig sein, denn es hängt davon ab, ob cook und cooks und go und went als jeweils ein Wort gezählt werden sollen oder nicht. Hier spielt die Wortform eine Rolle, denn diese ist hier unterschiedlich. Eine Wortform ist die physikalisch substanzielle, formbare Einheit einer konkreten Äußerung. Es ist also eine konkrete lautliche oder orthographische Einheit. Nach linguistischer Konventionen werden sie kursiv geschrieben. Außerdem ist eine Wortform auch die realisierte Form eines abstrakten Lexems. In unserem Beispiel sind cook und cooks also unterschiedliche Wortformen.

Wir zählen also in dem Satz 11 verschiedene Wortformen: the, cook, was, a, good, as, cooks, go, and, she, went.

Andererseits werden cook und cooks als Formen eines gleichen Wortes wahrgenommen. Das liegt daran, dass sie dem gleichen Lexem angehören. Ein Lexem ist ein abstrakter Eintrag im mentalen Lexikon und es beinhaltet alle Wortformen, mit denen es realisiert werden kann. Es ist also eine Menge von Wortformen, die eine gleiche Bedeutung haben und der gleichen Wortart angehören. Cook und cooks sind also zwei verschiedene Wortformen, die ein einziges, gemeinsames Lexem realisieren. Das gleiche gilt auch bei go und went. Lexeme werden in Großbuchstaben geschrieben. Das Lexem GEBEN wird u.a. durch die Wortformen gibst, gab oder gegeben realisiert. Der Lexembegriff trennt demnach zwischen einem Grundwort und den ihm zusätzlich angehefteten grammatischen Bedeutungen wie Plural, Person, Numerus, Tempus usw.

Also liegen unserem Satz 9 Lexeme zugrunde:

THE, COOK, BE, A, GOOD, AS, GO, AND, SHE

Die Namen, die diese Lexeme bezeichnen, sind arbiträr, werden aber immer in großen Buchstaben geschrieben. Nehmen wir noch einmal das Lexem COOK. Nun können wir also sagen, dass cooks eine der Wortformen ist, die das Lexem COOK realisieren.

Es gibt auch mehrgliedrige lexikalische Einheiten wie Idiome bzw. idiomatische Wendungen, deren Gesamtbedeutung nicht aus den Bedeutungen ihrer Teile ableitbar ist, und deren einzelne Bestandteile nicht austauschbar sind. Ein Beispiel wäre Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Anhand der einzelnen Lexeme kann man nicht herausfinden, was mit dieser phraseologischen Wendung gemeint ist. Man kann auch kein einzelnes Lexem austauschen: *Die Birne fällt nicht weit vom Stamm.

 

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Grammatisches Wort mp3

Schauen wir uns nun ein anderes Beispiel an:

1. Lee walked home.
2. Lee went home.
3. Lee has walked home.
4. Lee has gone home.

Die Wortform walked kommt in 1 und 3 vor und realisiert in beiden Fällen das Lexem WALK. Aber walked ist in diesen Sätzen nicht exakt die gleiche Einheit. In Satz 1 drückt walked die einfache Vergangenheit aus, in Satz 3 aber das Perfekt. Es handelt sich also trotz gleicher Wortform um zwei verschiedene grammatische Wörter. Wie Lexeme sind sie abstrakte Einheiten. In ihnen sind ein oder mehrere grammatische Kategorien enkodiert, die wir auch noch besprechen werden. Wie wir gesehen haben, kann eine Wortform mehrere grammatische Wörter repräsentieren. Im Deutschen wäre es z.B. bei der Wortform geben der Fall: geben kann für die 1. Person Plural oder für die 3. Person Plural stehen.

Diese drei Begriffe Lexem, Wortform und Grammatisches Wort helfen, das Gemeinte genauer zu bestimmen. Da es so viele verschiedene Definitionen für den Terminus Wort gibt, reicht es nicht aus, eine Einheit einfach Wort zu nennen. Leider wird das trotzdem in der Literatur oft getan. Besser ist es also, entweder zu erwähnen, welche Art von Wort gemeint sein soll, also orthographisches oder grammatisches Wort, oder genauere Bezeichnungen wie Lexem oder Wortform zu verwenden.

In dieser Übersicht kannst du noch einmal schauen, ob du bisher alles richtig verstanden hast:

Wortform Lexem Grammatisches Wort
Fliegen FLIEGE, Nomen {Nominativ Plural}, {Genitiv Plural}, {Dativ Plural} oder {Akkusativ Plural}
Fliege FLIEGE, Nomen {Nominativ Singular}, {Genitiv Singular}, {Dativ Singular} oder {Akkusativ Singular}
fliegt FLIEGEN, Verb {3. Person Singular Präsens}
fliege FLIEGEN, Verb {1. Person Singular Präsens}

 

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Wortarten mp3

Wortarten hat jeder schon in der Schule kennengelernt. Trotzdem sollen sie hier noch einmal wiederholt werden.

Eine Wortart ist das Ergebnis einer Klassifizierung der Wörter aufgrund gemeinsamer Merkmale. Diese können die Form oder die Bedeutung betreffen. Die Anzahl der Wortarten kann in den Grammatiken variieren. Es kann je nach zugrundeliegenden Kriterien zwischen zwei (Verben, Nomen) bis 15 Wortarten schwanken. Üblich sind aber folgende 8 Wortarten:

Verb, Substantiv, Adjektiv, Pronomen, Artikel, Adverb, Präposition und Konjunktion

Auch die Bezeichnungen für die Wortarten ändern sich in den Grammatiken. Statt Substantiv kann die Bezeichnung Nomen vorkommen, oder Haupt- bzw. Dingwort als deutsche Termini.

Zu erwähnen ist auch, dass manche Grammatiken Partikel und Interjektionen hinzufügen. Partikel wie z.B. ja, doch, wohl oder nur zeichnen sich dadurch aus, dass sie so gut wie keine Eigenschaften besitzen. Sie sind nicht flektierbar, nicht satzgliedwertig und sie sind weglassbar, also fakultativ. Sie haben auch keine einfach abgrenzbare eigenständige Bedeutung, beeinflussen aber die Bedeutung ihrer Bezugseinheiten.

Die Interjektionen sind Wörter, die zum Ausdruck von Gefühlen dienen, wie z.B. Au, oh, hallo oder verflixt. Auch sie haben keine lexikalische Bedeutung und ihre Wortartangehörigkeit ist umstritten. Sie werden oft den Partikeln zugerechnet oder als satzwertig angesehen und deshalb keiner Wortart zugerechnet.

In dieser Übersicht sind die Wortarten durch das Kriterium der Flektierbarkeit unterteilt. Es gibt aber auch noch ein syntaktisch-semantisches Kriterium, das Wortarten in eine offene und geschlossene Klasse einteilt. Lexikalische Wortarten der offenen Klasse wären demnach: Substantive, Verben, und Adjektive (einschließlich deren adverbialer Verwendung). Diese Wortarten zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine lexikalische Bedeutung haben. Die Wortklasse wird als offen bezeichnet, weil sie ständig durch Bildung neuer Wörter erweitert werden kann. Die geschlossene Klasse umfasst Wörter, denen nur eine grammatische Bedeutung zugrunde liegt bzw. die eine bestimmte Funktion erfüllen. Es gibt keine Möglichkeit, diese Klasse mittels Wortbildungsregeln zu erweitern. Nur langfristiger Sprachwandel kann Veränderungen bewirken. Ihre Anzahl ist also begrenzt. Die dazugehörigen grammatischen Wortarten sind: Adverbien, Pronomen, Artikel, Präpositionen und Konjunktionen. Diese Betrachtungsweise kann allerdings problematisch werden. Betrachtet man die zusammengesetzte Präposition mit Hilfe stellt sich die Frage, ob es sich dabei um eine rein grammatische Wortart handelt oder ob durch die Bedeutung von Hilfe nicht eine Gesamtbedeutung entsteht.

Nun wurde das Wort als erste morphologische Einheit vorgestellt. Es gibt aber auch eine zweite kleinere Einheit als das Wort, die im nächsten Kapitel besprochen wird. Also, weiter geht's. Aber nicht die Übung vergessen!

 

Literatur:
Bauer, L. 2003. Introducing Linguistic Morphology. Edinburgh: Edinburgh University Press.
Bergenholtz, H.; Mugdan, J. 1979. Einführung in die Morphologie. Stuttgart: Kohlhammer.
Müller, H. (Hrsg.). 2002. Arbeitsbuch Linguistik. Paderborn: Schöningh.