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Einführung

Die Zahl der Sprachen auf der Erde wird auf 6000 bis 6500 geschätzt. Schon eine solche Zahl zu ermitteln, ist nicht so einfach: Was die einen als selbständige Sprache betrachten, ist in den Augen (und Ohren) der andern nur eine Varietät eines umfassenderen Idioms. Stellt das Serbokroatische vielleicht doch eine früher eher politisch erwünschte Zwangsvereinigung zweier Sprachen „Serbisch“ und „Kroatisch“ dar, oder handelt es sich lediglich um religions- und schriftbedingte Varietäten? Wie ist es bei Urdu und Hindi, die sich in ähnlicher Weise durch religiöse Zuordnung und die jeweilige Schrift unterscheiden? Grenzziehungen erweisen sich als schwierig. Dennoch steht außer Zweifel, dass die sprachliche Vielfalt in der Welt enorm ist. Der Mythos des Turmbaus zu Babel z.B. zeigt, dass dies der Menschheit schon vor Jahrtausenden durchaus bewusst war. Dieser Mythos betrachtet die sprachliche Vielfalt als Strafe, also negativ wertend. Sprache wird als wesenhafte Eigenschaft des Menschen gesehen, Sprachen erscheinen hingegen als Makel der Menschheit und Kainszeichen ihrer Unvollkommenheit. Dem menschlichen Geist als Abbild Gottes (oder umgekehrt je nach Weltanschauung?) wird die körperliche Menschwerdung gegenübergestellt—sprachliche Vielfalt als Projektion der Erbsünde und ihrer vielen Folgen.

Unbegrenzte universelle Kommunikationsfähigkeit definiert offenbar das Paradies menschlicher Sprachbeherrschung. Jede Varianz scheint dem entgegenzustehen. Da wir unsere Muttersprache im Kontakt mit den konzeptuellen und kommunikativen Gegebenheiten unserer Umwelt erwerben, übernehmen wir diese zunächst als eine uns natürlich erscheinende Form der Erfassung der äußeren und inneren Wirklichkeit. So ist es nicht verwunderlich, dass Menschen die eigene Sprache als einmalige, wunderbare, gegebene Realität wahrnehmen und im Verlauf der Geschichte die Sprachen der anderen aus ihrer egozentrischen Perspektive immer wieder als „Gestammel“ (vgl. die Herkunft der Begriffe Barbaren, Hottentotten) diskriminierten. Dabei war ihnen vermutlich bewusst, dass Einzelsprachen eine wichtige Rolle spielen bei der Herausbildung von Nationalitäten und bei der Identifikation mit diesen. Volle Integration in die eigene Machtsphäre, d.h. nicht zuletzt in eine homogene nationale Identifikation, sah man vielfach nur dann als gewährleistet, wenn auch für sprachliche Homogenität gesorgt wurde. Minderheitensprachen haben unter Bedingungen der gezielten Verdrängungspolitik einen besonders schweren Stand. Die größten Bedrohungen für den Fortbestand vieler Sprachen resultieren heute allerdings eher aus den Entwicklungsperspektiven ihrer Sprecher, zum Teil weil diesen die Lebensräume entzogen werden, aber auch dadurch, dass sich bestimmte Lebensbedingungen und Bequemlichkeiten immer flächendeckender über die Erde verbreiten und wirtschaftliche Teilhabe sowie politische Teilnahme ohne sprachliche Partizipation nicht zu erreichen sind.  

Unabhängig von jeglicher Wertung muss die Linguistik ein möglichst umfangreiches und detailliertes Wissen über die Bandbreite der sprachlichen Vielfalt anstreben. Nur so wird es möglich sein, die Reichweite der linguistischen Theorien und ihrer Grundannahmen zu testen bzw. durch Revisionen oder Revolutionen neu abzustecken.

Man sagt, dass die Sprachfähigkeit menschenuniversell sei, d.h. dass jeder Mensch über sie verfüge. Dies drückt sich auch darin aus, dass jedes Kind jede Sprache dieser Welt als Muttersprache erwerben kann, wenn es in ihr zur richtigen Zeit primär sozialisiert wird. Die Zuordnung einer bestimmten genetischen Ausstattung von Menschen zu bestimmten Sprachtypen oder gar einzelnen Sprachen oder Dialekte bzw. spezifischen sprachlichen Strukturelementen stellt demnach eine zufällige historische Koinzidenz dar und ist nicht als Ergebnis einer biologischen Kausalität anzusehen (wie etwa jüngst behauptet für die Korrelation von Mutationen mit der Präsenz kontrastiven Tons, eine fragwürdige Behauptung, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann). Grundlage der menschenuniversellen Verfügbarkeit von Sprache ist natürlich unsere biologische Ausstattung; ob dazu die Befähigung zu einer gewissen kognitiven Komplexität (basierend auf einer allen Menschen verfügbaren physischen, insbesondere neuroanatomischen Substanz und Struktur) ausreicht oder speziell auf die Sprachstruktur orientierte Bauteile als angeboren vorauszusetzen sind, zählt zu den großen Kontroversen der letzten Jahrzehnte. Beide Annahmen sind kompatibel mit dem Gedanken, dass menschliche Sprachen universelle Gemeinsamkeiten aufweisen, sogenannte Universalien. Wie spezifisch diese sein können, wenn sie die Bandbreite der belegbaren menschlichen Sprachen abdecken sollen, bleibt in vielen Bereichen noch zu ermitteln. Typologische Studien zeigen jedenfalls, dass universell gültige Prinzipien oft eher als allgemeine implikative Hierarchien und Relationsgefüge erscheinen, die zudem nicht selten Ausnahmen aufweisen, deren theoretischer Status schwer zu klären ist.

Sprache gilt zugleich als menschenspezifisch. Es gibt kein anderes Lebewesen auf der Erde, das in gleicher Weise darüber verfügt wie der Mensch. Der Mensch formt mit ihrer Hilfe seine mentale Wirklichkeit, löst die Konzepte aus der situativen Gegenwart des Hier und Jetzt und manipuliert sie zu virtuellen Welten. Selbst der symbolisierungsfähigste aller Schimpansen (man sagt, er sei ein Zwergschimpanse, heiße Kanzi, und schreibe wie ich jetzt [Honni soi qui mal y pense!] auf einer Tastatur) kann nicht über seine Jugend berichten oder über Möglichkeiten der Verbesserung des Bananengeschmacks durch die Zucht neuer Arten spekulieren. Primaten mögen sich (wie aus den Experimenten mit der Vermittlung amerikanischer Gebärdensprache an Schimpansen berichtet) noch insoweit von der gegenwärtigen Realität lösen können, als sie ihren Wärter im konkreten Einzelfall belügen können (z.B. wenn sie ihn rachsüchtig zu sich locken, um ihn angeblich zärtlich zu graulen, aber ihn dann schmerzhaft beißen). Ihr Gebrauch der Sprache bleibt damit aber dennoch situationsgebunden und durch ihre momentanen Bedürfnisse geprägt. Dass kein anderes Lebewesen eine grammatische Komplexität erreicht, die der eines kompetenten menschlichen Sprechers entspricht, steht ohnehin außer Zweifel.

Insbesondere scheint charakteristisch für die menschliche Sprache zu sein, dass sie „doppelt artikuliert“ ist. Ihre bipolaren Zeichen beruhen auf konventionellen Zuordnungen von lautlichen Ausdrücken zu Bedeutungen. Die Sprache ist einerseits auf der Ebene dieser bipolaren Ganzheiten organisiert; Bedeutungsträger wie das, Haus, ist und schief werden regelhaft zu komplexen Bedeutungsträgern zusammengefügt, so dass wir wissen, dass *ist Haus das schief oder *schief das Haus ist als Sätze nicht korrekt gebildet sind, während das Haus ist schief einen wohlgeformten Satz darstellt. Der linguistische „Geniestreich“ der Evolution beginnt jedoch schon bei der Ausdrucksseite für sich genommen, ohne spezifischen Bezug zur Bedeutung. So wissen kompetente Sprecher des Deutschen, dass die hypothetischen Sätze *das Schfaus ist dsfie und *das Schraus ist flund zwar beide (aufgrund der Funktionswörter das und ist)syntaktisch analysierbar sind, aber nur im zweiten ausschließlich Elemente—durch Schreibung und Satzbau als reale oder hypothetische Wörter identifizierbar—vorkommen, die auch lautlich wohlgeformt sind. Die lautliche Wohlgeformtheit ist auch für die hypothetischen Wörter entscheidbar, obwohl sie keine Bedeutung haben. Unsere Artikulationsorgane (und unser Hörvermögen—vermutlich in komplementärer Evolution aufeinander abgestimmt) haben uns eine regelhafte innere Struktur der Lautseite von Zeichen aufgezwungen (man spricht auch von Phonotaktik), die z.B. im Deutschen Anlautkombinationen wie <schf> oder <dsf> ausschließt. Solche Beschränkungen sind zwar einzelsprachlich verschieden, fügen sich jedoch in universelle Beschränkungsmuster. Sie erlauben uns, auch die einzelnen Zeichenkörper als lautlich kombinatorisch zu begreifen; das Alphabet interpretiert diese sprachliche Eigenschaft besonders weitgehend und zugleich anschaulich. Diese separate Organisation der lautlichen Ebene befähigt uns, ein theoretisch unbegrenztes Repertoire von charakteristischen Lautgestalten als potentielle Zeichenkörper (d.h. Bedeutungsträger) zu schaffen und zu verarbeiten. Die gigantischen Dimensionen der Wortbestände natürlicher Sprachen wären ohne diese lautliche Flexibilität durch Organisiertheit nicht in vergleichbar ökonomischer Weise realisierbar.

Der Begriff der doppelten Artikulation hebt die Autonomie der inneren Organisation von Lauten und Lautgestalten (Lauten oder Lautkombinationen, soweit sie Bedeutungsträger sind) gegenüber der Organisation ganzheitlicher Ausdrucks-Inhaltseinheiten zu jeweils komplexeren Bedeutungsträgern hervor. Mit den spezifischen systematischen Eigenschaften der Lautung, die man als die lautliche Strukturebene der Sprache bezeichnet, beschäftigt sich die Phonologie; davon abgeleitet verwendet man den Begriff auch oft für seinen Forschungsgegenstand, so dass mit „Phonologie des Deutschen“ sowohl die Lautstrukturebene des Deutschen gemeint sein kann als auch die linguistische Beschreibung derselben. Mit den systematischen Eigenschaften komplexer Bedeutungsträger beschäftigen sich auf der Ebene des Wortes, also etwa der Frage der Wohlgeformtheit und Bedeutungsstruktur von Oberstraßenbahnschienenritzenreinigermeister/in, die Morphologie, auf der Ebene des Satzes die Syntax. Da der linguistische Gebrauch des Wortes Grammatik alle Regelhaftigkeiten einschließt, bezeichnet man die strukturellen Ebenen auch als Komponenten der Grammatik.

Aufgrund der relativ ausgeprägten Autonomie der beiden Bereiche der „doppelten Artikulation“ betrachten vor allem Linguisten, die eine sehr spezifische Angeborenheit von Sprache annehmen, insbesondere Phonologie und Syntax als Teilmodule eines angeborenen Sprachmoduls. Diese Betrachtungsweise ist in erster Linie durch den Vergleich mit den Sinnesmodulen inspiriert und beruht auf dem sehr effektiven automatischen, schnellen, fehlerarmen und „abgekapselt“ autonomen Funktionieren von Sprache.

Den aufmerksamen Leser(inne)n wird vielleicht aufgefallen sein, dass wir zwar die Lautseite des sprachlichen Zeichens abstrahiert von der Bedeutung betrachtet haben, nicht jedoch die Bedeutungsseite abstrahiert von der Lautung. Es wird also Zeit die Disziplinen hinzuzufügen, die sich primär mit der Struktur von Bedeutung beschäftigen. Diese Ebene der Bedeutungszuordnungen elementarer und komplexer Bedeutungsträger analysiert die Semantik. Sie kann spezifizieren, dass das Deutsche anders als das Englische mit fressen ein gesondertes Wort für ein tierisches Verhalten hat, wir aber trotzdem bedeutungsvoll sagen können Erich frisst (tierisch), dass mit Freund in Willis Freund ist nett eine bestimmte Person gemeint ist, in Wir sind Freunde hingegen eher eine abstrakte Relation, dass Ein Pferd ist nun mal ein Pferd und kein Mensch eigentlich eine Tautologie formuliert. Fragt man sich, warum Menschen Äußerungen wie die letztere produzieren, obwohl diese auf den ersten Blick gar nichts Mitteilenswertes zu enthalten scheinen, bewegt man sich auf dem Terrain der Pragmatik, der Sprachverwendung, wo sich zeigt, dass diese Tautologie, etwa als moderater indirekter Tadel falscher Erwartungen anderer im Umgang mit Pferden durchaus Information tragen kann. Selbstverständlich hat jede sprachliche Äußerung (nicht nur Tautologien) einen Verwendungsaspekt, der sich im Verhältnis des Mitteilungswertes zur Bedeutung spiegelt. 

Wir haben eingangs auf die große Vielfalt und Variabilität menschlicher Sprachen hingewiesen und dann die Abstraktion auf mögliche Eigenschaften der menschlichen Sprache bzw. des menschlichen Sprachvermögens an sich gewagt. Empirische Wissenschaft ist immer der Spagat zwischen beobachteter Datenvielfalt und deren möglichst gesetzmäßiger Reduktion auf Grundeinheiten und Prinzipien. Dabei kann das jeweilige Wissenschaftsparadigma, das Theoriengefüge innerhalb einer bestimmten Sicht der Welt, zu unterschiedlichen Gewichtungen führen. Als sich die Sprachwissenschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus der Dominanz der Philosophie einerseits und der praktischen Sprach- (besonders Latein-)Vermittlung andererseits heraus zur selbständigen Disziplin entwickelte, war dies nicht zuletzt durch eine neuartige objektivere und breitere Datenorientierung geleitet. Die Entdeckung der Ähnlichkeit der alten indischen Sprachen mit den europäischen regte an zur vergleichenden Rekonstruktion gemeinsamer Vorfahren (insbesondere der indoeuropäischen Ursprache). Sprachliche Veränderung, die Quelle der Vielfalt wurde entdeckt als Kausalkette sui generis, die die Erklärungsdomäne der neuen historisch-„vergleichenden“ Sprachwissenschaft als eigenständiges wissenschaftliches Forschungsfeld definierte und in Entdeckungen wie der germanischen Lautverschiebung (engl. Grimm’s law nach Jakob Grimm) glanzvoll demonstriert wurde.

Ferdinand de Saussure, selbst ein herausragender historischer Linguist an der Universität Genf, wird häufig als der einflussreichste Sprachwissenschaftler beim Perspektivenwechsel zum Strukturalismus hin zu Beginn des 20. Jahrhunderts angesehen. In postum von Schülern unter dem Titel „Cours de linguistique générale“ veröffentlichten Vorlesungen wird der Fokus linguistischer Forschung verschoben von der historisch-genetischen Erklärung der Varianz der indoeuropäischen Sprachen auf die all diesen Sprachen gemeinsamen systematischen Aspekte. De Saussure unterschied die neue synchronische (vielfach auch „deskriptiv“ genannte) Betrachtung (d.h. „zeitlose“ Betrachtung zu einem bestimmten Zeitpunkt—Punkte haben ja bekanntlich keine Ausdehnung) von der diachronischen („historischen“, „durch die Zeiten hindurch“). Auch synchronische Linguistik muss von sprachlichen Daten ausgehen. Die Abstraktion von der Zeitachse allein befreit die alltägliche sprachliche Kommunikation nicht von der stilistischen, regionalen, sozialen usw. Varianz, die eine lebendige Sprache kennzeichnet. De Saussure begegnet dem Problem damit, dass er Varianz der Ebene der Rede (parole), das heißt des alltäglichen Vollzuges, zuordnet, der ein invariantes Bezugssystem der Sprache (langue) als gemeinsame Basis einer Sprachgemeinschaft zugrunde liege. Inwieweit solche Abstraktionen notwendig bzw. zulässig sind, bleibt bis heute unter den Linguist(inn)en heftig umstritten, zumal sie den Effekt haben, die Varianz selbst, wenngleich ihrerseits oft äußerst systematisch strukturiert, aus dem System der „Sprache“ herauszudefinieren und das sprachliche Abstraktum völlig von seiner Verwendung loslösen.

Die Suche nach dem abstrakten homogenen System findet vor allem im amerikanischen Strukturalismus in hohem Maße datendeterminiert statt. Der Positivismus vor allem der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird in strenge Prozeduren umgesetzt, nach denen das sprachliche System (oder im Falle sprachlicher Varianz möglicherweise die sprachlichen Systeme) durch Klassifikation allein aus der Beobachtung zu abstrahieren sei. Dies beschränkt das Untersuchungsfeld sehr stark auf das physisch Wahrnehmbare und verbietet den Rückgriff auf mentale Gegenstände (wie Bedeutungen). Mit Recht kritisiert Noam Chomsky, der seit 1955 einflussreichste und vielleicht berühmteste Linguist überhaupt, an dieser extrem empiristischen Position, dass Sprache als Menge der beobachtbaren produzierten Äußerungen nicht adäquat charakterisiert ist. Sie stellt vielmehr eine Fähigkeit dar, die nicht zuletzt beinhaltet, dass der Mensch wohlgeformte Äußerungen produzieren kann, die er nie zuvor gehört hat. Damit wird die Suche nach der abstrakten unterliegenden Struktur (dem sprachlichen System) befreit von der engen Beschränkung auf eine gegebene Datenmenge. Sie wird aber auch nicht mehr wie bei de Saussure auf die Sprache als Vermögen der Sprachgemeinschaft bezogen, sondern als Modellierung des menschlichen Sprachvermögens, einer individuellen mentalen Fähigkeit, neu konfigurierter Mittelpunkt des linguistischen Interesses; die Linguistik wird damit gleichsam als spezielle Teildisziplin der Kognitionspsychologie neu eingeordnet. Das dem sprachlichen Vollzug, der Performanz (also gewissermaßen der individuellen Rede), zugrunde liegende System macht die individuelle Kompetenz aus, die Fähigkeit wohlgeformte Sätze zu erzeugen und von nicht wohlgeformten zu unterscheiden.

Chomskys Ansatz, auch generative (Transformations-) Grammatik genannt, entsprang einer (vielfach als wissenschaftliche Revolution im Sinne S. Kuhns gesehenen) philosophischen Neuorientierung in platonistisch-cartesischen Bahnen und rückte die Frage der Angeborenheit von Sprache sowie deren mögliche neuronale Implementierung in den Vordergrund. Die dabei aufgeworfenen Fragestellungen beschäftigen die Linguistik bis in die Gegenwart hinein.

Die Entstehung der Neurolinguistik als Teildisziplin wurde durch die Debatten um die Angeborenheit und eventuelle Lokalisierung von Sprache entscheidend vorangetrieben. Sie eröffnete auch der älteren Psycholinguistik, die sich bereits mit Fragen des Spracherwerbs, Sprachverlustes (Aphasie) und der Sprachverarbeitung beschäftigte, neue empirische Arbeitsfelder und Fragestellungen.

Eine Rückbesinnung auf die sprachliche Vielfalt und Varianz, die der menschlichen Sprachfähigkeit immanent sind, ging vor allem von den Arbeiten William Labovs in den Sechziger Jahren aus. Die nicht zuletzt daraus erwachsene Soziolinguistik brach die Dominanz der sprachlichen Abstraktionen (wie System, Sprache, Kompetenz) durch Konfrontation der Theorien mit der Datenvielfalt und zeigte die Funktionalität dieser Vielfalt (z.B. in der sozialen Differenzierung und Interaktion) sowie Notwendigkeit, sprachliche Kommunikation umfassender zu begreifen.

Während sich die Soziolinguistik mit der Varianz in der sprachlichen Kommunikation innerhalb von Sprachgemeinschaften und Gesellschaften (auch mehrsprachigen, also einschließlich Sprachkontakt) beschäftigt, analysiert die Sprachtypologie die Bandbreite der intersprachlichen Varianz auf der Ebene der Struktureigenschaften verschiedener sprachlicher Systeme. Sie schließt damit den Kreis dieses kurzen Überblickskapitels, indem wir am Ausgangspunkt wieder angekommen sind, der Vielfalt der Erscheinungsformen menschlicher Sprache. Die umfassende Betrachtung der Sprache unter Einbeziehung der Dynamik des alltäglichen Vollzuges wie der sozialen und inhaltlichen Funktionalität lehrt uns, die gesamte Dialektik von Muster und Varianz als wesenhafte Eigenschaft menschlicher Sprache zu verstehen.

Wer so lange durchgehalten hat, wird bemerkt haben, dass Linguist(inn)en entgegen einem landläufigen Missverständnis nicht zwangsläufig Leute sind, die viele Sprachen sprechen, noch solche, die aufgrund ihrer sprachtheoretischen Kenntnisse wissen, was „richtig“ ist im Sinne der sprachlichen Norm. Linguistik wäre keine wissenschaftliche Disziplin, wenn sie daraus bestünde, präskriptiv Normen dieser Art zu setzen. Die Linguistik ist eine deskriptive Wissenschaft, deren Ziel im Beschreiben und Verstehen des menschlichen Sprachvermögens in seiner gesamten Bandbreite liegt.